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Wie die Autobranche auf der IAA nach der nächsten Erfolgsformel sucht

GTI oder Space Ship?

Es sind spannende Zeiten in der Autobranche. Nicht nur die Elektromobilität vereinnahmt mittlerweile die gesamte IAA in München, sondern auch das Duell zwischen europäischen und asiatischen Herstellern.

Das VW ID. GTI Concept soll Fans der beliebten Sport-Versionen von Polo, Golf & Co in die Elektromobilität locken.

Das VW ID. GTI Concept soll Fans der beliebten Sport-Versionen von Polo, Golf & Co in die Elektromobilität locken. Foto: Tamara Holper

Auslaufmodell hin oder her: Der Verbrennungsmotor ist in seinen aktuellen Entwicklungsstufen ein wahres Wunderwerk der Ingenieurskunst – hochkomplex und mit faszinierenden Nuancen und Eigenheiten, die sich von Marke zu Marke unterscheiden. Bei den Elektromotoren der aktuellen E-Auto-Flotten sieht das anders aus. Auch wenn es unterschiedliche Leistungsdaten gibt, ähneln sich die Antriebe ungemein, bieten ähnliche Fahreigenschaften und werden oft sogar Hersteller-übergreifend eingesetzt. Das spart Kosten und senkt die Komplexität beim Fahrzeugbau, stellt die Automobilbranche aber gleichermaßen vor ungeahnte Herausforderungen. Denn die Alleinstellungsmerkmale und Verkaufsargumente moderner Elektroautos liegen nicht mehr unbedingt beim Antrieb, der damit seinen Status als „Unique Selling Point“ verliert. Für die Autohersteller verschiebt sich der Fokus notgedrungen auf andere Tugenden.

Bei der „Volkswagen Group Night“ am Vorabend der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in München wird klar, dass auch der größte Autokonzern der Welt die veränderten Vorzeichen verstanden hat. Unter dem Leitsatz „Success by design“ präsentiert die Gruppe zwei elektrische Premieren, die die Bandbreite des Slogans verbildlichen. Auf der einen Seite sorgt das VW ID. GTI Concept auf Basis des im März vorgestellten ID.2all mit bekannten VW-Linien für bodenständige Begeisterung, während auf der anderen ein spanischer Fantasy-Sturm namens Cupra DarkRebel entfacht wird.

Das Design und die damit verbundenen Emotionen bleiben bewusst im Vordergrund.

Technische Daten zur Motorleistung, Fahreigenschaften und Reichweite werden nicht genannt, das Design und die damit verbundenen Emotionen bleiben bewusst im Vordergrund. Hinzu kommt, dass beide Modelle noch weit von der Serie entfernt sind. Mit dem ID.2 wird es frühestens 2025 losgehen, die GTI-Variante soll frühestens 2027 kommen. Ob der futuristische DarkRebel jemals in Serie geht, steht noch in den Sternen.

VW Group-CEO Oliver Blume zwischen dem eher konservativ gezeichneten VW ID. GTI Concept und dem extrovertierten Cupra DarkRebel.
VW Group-CEO Oliver Blume zwischen dem eher konservativ gezeichneten VW ID. GTI Concept und dem extrovertierten Cupra DarkRebel.

VW Group-CEO Oliver Blume zwischen dem eher konservativ gezeichneten VW ID. GTI Concept und dem extrovertierten Cupra DarkRebel. Foto: Dustin Mertes

Der kometenhafte Aufstieg des SEAT-Ablegers Cupra zeigt sich auch beim ausgestellten SUV-Hoffnungsträger Tavascan, der zwar etwas gezähmter als der düstere Konzeptkollege daherkommt, aber mit seinen dynamisch-aggressiven Formen in den Verkaufszahlen dennoch weit nach vorne preschen dürfte. Fast wie eine Randnotiz im weiteren Messeverlauf wirkt da die Meldung, dass die Muttermarke SEAT ab 2030 die Autoproduktion einstellen wird. Das Konzern-interne Rennen ist also durchaus ernst.

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Chinas Autobauer setzen die Platzhirsche unter Druck

Davon zeugen spektakuläre Konzepte, wie der erst kürzlich vorgestellte Elektro-Lamborghini Lanzador mit einer fast schon grotesken SUV-Keilform, ebenso wie die beeindruckende Skoda-Studie Vision 7S, welche eine komplett neue Raumerfahrung entwirft. Nicht nur das Design muss sich neu erfinden, auch für die Funktion eines Autos müssen neue Wege gefunden werden. Konzernmutter VW präsentiert im Messekontext darüber hinaus die aktuellen ID-Modelle Buzz und 7, sowie die elektrischen SUV-Dauerbrenner ID.4 und ID.5 mit aktualisiertem und deutlich potenterem Antriebskonzept. Auch den neuen Passat und den neuen Tiguan gibt es zu sehen.

Die am Folgetag startende IAA offenbart den Wandel, in dem sich die Automobilbranche derzeit befindet, bereits in ihrer Organisation. Viele Premieren finden nur noch auf Privatveranstaltungen statt, auf dem eigentlichen Messegelände präsentieren viele große Hersteller nur ein stark abgespecktes Portfolio. An den Besuchertagen gibt es wie schon 2019 dafür in der Münchner Innenstadt die kostenlosen Open Space-Ausstellungen, auch dort ist nicht jede Neuheit zu sehen. Die IAA-Erfahrung wirkt dezentralisiert und zerfasert, eine klare Linie fehlt.

Auf dem Messegelände München findet nur noch ein Teil der IAA statt.
Auf dem Messegelände München findet nur noch ein Teil der IAA statt.

Auf dem Messegelände München findet nur noch ein Teil der IAA statt. Foto: Tamara Holper

Viele chinesische Hersteller und Startups nutzen derweil den Mut zur Lücke und übernehmen selbstbewusst die Ausstellungsflächen der etablierten Hersteller oder organisieren eigene Präsentationen in der Innenstadt. Besonders selbstbewusst gestaltet sich der Stand der chinesischen Marke BYD, die mittlerweile der weltweit größte Hersteller für Elektrofahrzeuge ist. Gezeigt wird unter anderem der neue Hoffnungsträger Seal, der im Mittelklasse-Segment mit PS-Power zwischen 313 und 530 PS und Reichweiten von bis zu 570 Kilometern auf Kundenfang geht.

Erstes reinrassiges Elektro-Carbio kommt 2024

Auch die Traditionsmarke MG, die mittlerweile in chinesischem Besitz ist, zeigt ein immer überzeugenderes Portfolio. Der MG 4 XPower will sich mit 429 PS und einer Katapultbeschleunigung von 3,8 Sekunden von 0 auf 100 im VW GTI-Segment einnisten, während der Cyberster im kommenden Jahr das erste reinrassige Elektro-Cabrio werden dürfte.

Darüber hinaus preschen kleinere China-Marken wie Xev und Astara mit neuen Modellen wie dem Microlino und dem Yoyo Pro mit Vollgas in die elektrische Mikromobilität, die in Großstädten immer wichtiger werden dürfte. Viel Aufmerksamkeit zieht auch das luxuriöse SUV-Konzept von Nobo Automotive mit gegenüberliegenden Sitzen und weit öffnenden „Suicide Doors“ auf sich.

Späte deutsche Revolution

Weniger spektakulär geht es bei den deutschen Platzhirschen zu. BMW zeigt erstmals seinen Elektro-Hoffnungsträger namens „Neue Klasse“, der ab 2025 mit bis zu 750 Kilometern Reichweite in der Mittelklasse aufräumen will, ansonsten gibt es den bereits vorgestellten neuen Fünfer zu sehen. Auch Mercedes zeigt mit dem CLA-Konzept eine Elektro-Studie für die zukünftige Mittelklasse mit großen Reichweitenversprechungen. Auch diese wird erst im Jahr 2025 in Serie auf die Straße rollen. Viel Zeit also für die chinesische Konkurrenz, um zu reagieren.

Auch Opel zeigt auf der IAA wenig Neues. Auf dem Messestand der Rüsselsheimer präsentiert die Marke das bereits vorgestellte Experimental Concept Car, welches der elektrische Manta von morgen werden könnte, so wie in der Stadt die bereits bekannten Astra Sports Tourer Electric und das elektrische Corsa-Update. Auch Ford zeigt mit dem kommenden Elektro-SUV Explorer und dem aus den USA bekannten F-150 Lightning keine wirkliche Neuvorstellung.

Renault hat mit dem neuen Scenic ein wahres Reichweiten-Wunder vorgestellt.
Renault hat mit dem neuen Scenic ein wahres Reichweiten-Wunder vorgestellt.

Renault hat mit dem neuen Scenic ein wahres Reichweiten-Wunder vorgestellt. Foto: Tamara Holper

Renault sorgt mit seinem neuen, rein elektrischen Scenic für Aufsehen, der sich vom Van zum erstaunlich kompakten SUV gewandelt hat und auf Basis der neuen CMF-EV-Plattform mit beachtlichem Reichweiten-Angebot begeistert. Bereits in der kleinen Akku-Konfiguration (60 kWh) sollen 420 Kilometer möglich sein, der große 87 kWh-Akku soll 620 Kilometer durchhalten. Bezüglich des Preises hüllt sich der französische Hersteller noch in Schweigen, starten soll die neue Elektro-Hoffnung im Frühjahr 2024..

Understatement aus den USA

Erstmals seit zehn Jahren ist auch der Elektroauto-Pionier Tesla wieder auf der IAA vertreten und zeigt auf einem unscheinbaren Stand sein neues Facelift-Model 3. Die verhaltenen Designänderungen an Front und Heck gehen im Messetrubel fast unter, in den internationalen Verkäufen dürfte sich die zurückhaltende Präsentation aber nicht widerspiegeln, schließlich war schon der Vorgänger eines der meist verkauften Elektroautos. Ab 42.990 Euro (und damit 1.000 Euro teurer als bisher) bietet das Facelift mit Vollausstattung 554 Kilometer WLTP-Reichweite, das 9.000 Euro teurere Long Range-Model soll 678 Kilometer bieten.

Vor allem die geänderte Frontpartie fällt beim aktualisierten Tesla Model 3 auf.
Vor allem die geänderte Frontpartie fällt beim aktualisierten Tesla Model 3 auf.

Vor allem die geänderte Frontpartie fällt beim aktualisierten Tesla Model 3 auf. Foto: Tamara Holper