Luxembourg
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Wie Luxemburger Banken die Finanzierung fossiler Energien befeuern

Bonds

Banken, auch aus Luxemburg, sorgen dafür, dass die Ölfirmen weiterhin kaum Schwierigkeiten haben, sich zu finanzieren.

Banken, auch aus Luxemburg, sorgen dafür, dass die Ölfirmen weiterhin kaum Schwierigkeiten haben, sich zu finanzieren. Foto: Sabina Palanca

„Wenn die Regierungen die Klimakrise ernst nehmen, kann es von jetzt an – von diesem Jahr an – keine neuen Investitionen in Öl, Gas und Kohle mehr geben“, das sagte Fatih Birol, der Chef der Internationale Energieagentur (IEA), bereits 2021. Anders sei das Ziel, den Temperaturanstieg durch den Klimawandel auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen und damit katastrophale Folgen abzuwenden, nicht mehr zu erreichen, schrieb die IEA. Heute, zwei Jahre später, fließen weiter Milliarden in die Erschließung neuer Ölquellen, Gas- und Kohlevorkommen.

Zwar haben viele Finanzhäuser direkten Investments in fossile Energie abgeschworen, dennoch spielen sie nach wie vor eine wichtige Rolle dabei, dass den Firmen in diesem Sektor nicht der Geldhahn abgedreht wird. Eine der wichtigsten Finanzierungsquellen für die Unternehmen sind Anleihen oder englisch Bonds. Deckten „fossile“ Firmen im Jahr 2000 gerade mal 14 Prozent ihres Kapitalbedarfs durch Anleihen, sind es 20 Jahre später mehr als die Hälfte.

Seit 2016, also dem Jahr, in dem das Pariser Klimaabkommen in Kraft trat, konnten Kohle-, Öl- und Gasfirmen laut der NGO „Toxic Bonds Initiative“ durch Anleihen etwa 2,7 Billionen US-Dollar an Finanzierungsmitteln einwerben. Für die beteiligten Finanzhäuser ist das in mehrfacher Hinsicht attraktiv: Zum einen leisten sie keine direkte Finanzierung, sodass sich die Geschäfte in der Regel nicht auf die Nachhaltigkeitsbilanzen der Banken auswirken und so ihre selbstgesteckten Klimaziele gefährden. Auf der anderen Seite kassieren die Banken für ihre Mittlerrolle satte Gebühren. Laut „Toxic Bonds“ verdienten allein die Emissionsbanken seit 2016 rund 8,6 Milliarden Dollar mit solchen Deals.

Viele Unterstützer notwendig

Anleihen sind Schuldverschreibung von Firmen. Wenn Investoren sie erwerben, erhalten sie jährlich Zinsen; am Ende der Laufzeit, die manchmal mehrere Jahrzehnte betragen kann, erhalten sie ihr Geld zurück. Um solche Anleihen zu begeben, sind die Firmen auf eine Vielzahl von Unterstützern angewiesen. Bei einer Neuemission sind in der Regel mehrere Banken mit im Spiel. Federführend ist die Emissionsbank oder Bookrunner, die die Vorbereitungen koordiniert und ein Konsortium weiterer Banken bildet, die sich verpflichten, einen Teil der Anleihen zu übernehmen, welche sie häufig an Kleinanleger weiterverkaufen.

Sogenannte „Paying Agents“, in der Regel ebenfalls Banken, sorgen dafür, dass die Zinszahlungen bei den Investoren ankommen. Schließlich sorgen andere Finanzhäuser als „Listing Agents“ dafür, dass die Anleihen an Börsen handelbar sind. In jedem dieser Schritte sind Anwaltskanzleien, zum Beispiel in die Ausarbeitung der entsprechenden Verträge, involviert.

Wichtige Rolle Luxemburgs

Als Finanzzentrum spielt Luxemburg eine wichtige Rolle in diesem System. Als Emissionsbanken wählen die Firmen in der Regel die großen amerikanischen oder chinesischen Häuser, aber gerade, wenn es darum geht, die Anleihen an der Börse zu platzieren, ist Expertise aus dem Großherzogtum gefragt. So wurden seit 2016 etwa 125 Anleihen von Firmen aus dem Sektor fossiler Energien an Luxemburger Börsen gehandelt, die zusammen einen Wert von rund 190 Milliarden Euro hatten.

Das ergab eine internationale Recherche über die Finanzierung von fossilen Energien, an der das „Luxemburger Wort“ und die „Luxembourg Times“ zusammen mit neun weiteren europäischen Zeitungen, darunter Le Monde, der Guardian und das Handelsblatt, beteiligt waren. Die von den niederländischen Plattformen Investico und Follow the Money initiierte „Great Green Investment Investigation: Fossil Finance“ ergab, dass Unternehmen im Bereich fossiler Brennstoffe weiter expandieren und Banken und Anwaltskanzleien ihnen dabei helfen, die nötigen Finanzmittel aufzubringen.

Eine Billion Euro für fossile Energien

Mithilfe der Datenbank des Finanzdienstleisters Bloomberg wurden laufende Anleihen analysiert, die zwischen 2016, kurz nach dem Pariser Abkommen, und Juni dieses Jahres von Firmen begeben wurden, die ihre Aktivitäten im Kohle-, Gas- und Erdölgeschäft weiterhin ausweiten. Um zu beurteilen, welche Firmen darunter fallen, wurde zusätzlich auf eine Datenbank der deutschen Klimaschutz-NGO „Urgewalt“ zurückgegriffen, die auch viele Finanzinstitute nutzen, um Investitionsentscheidungen zu treffen.

Daraus resultierte eine Liste von fast 1.700 Anleihen von Firmen aus dem Bereich fossiler Energien mit einem Gesamtwert von etwa einer Billion Euro über die vergangenen sieben Jahre. Deutlich wird, wie stark das vielbeschworene Finanzökosystem Luxemburgs auch genutzt wird, um den Sektor zu finanzieren.

So haben einige der Unternehmen eigene Tochtergesellschaften in Luxemburg gegründet, um Finanzmittel für das Hauptgeschäft zu sammeln. Der russische Gaskonzern Gazprom etwa begab über das luxemburgische Vehikel Gaz Capital SA seit 2016 sieben Bonds in Höhe von mehr als sechs Milliarden Euro. Der Ölfeld-Ausrüster Schlumberger sammelte über die Schlumberger Investment SA mehr als zwei Milliarden Euro mithilfe dreier Anleihen ein. Der spanische Erdölkonzern Repsol begab im Untersuchungszeitraum zwei Anleihen über die Luxemburger Repsol Europe Finance Sarl in Höhe von 1,25 Milliarden Euro.

Keine direkten Investitionen

Unter den Luxemburger Banken tun sich die Banque Internationale à Luxembourg (BIL) und die Quintet Private Bank hervor. Die BIL war bei insgesamt 54 Anleihen mit einer Gesamthöhe von über 97 Milliarden Euro beteiligt. In erster Line als „Listing Agent“. Der wichtigste Kunde unter den „Fossil Fuel“-Firmen war Petróleos Mexicanos (PEMEX), der staatliche Mineralölkonzern Mexikos. Auf Nachfrage stellt ein Sprecher der BIL klar, dass die Rolle des Listing Agents darin besteht, „als Verbindung zwischen dem Emittenten und der Börse zu fungieren. Ein Listing Agent sammelt die für die Einreichung an der Börse notwendigen Unterlagen wie Antragsunterlagen, Prospekt etc. ein und beantragt im Namen des Emittenten die Notierung der Anleihe“, so die Stellungnahme. „Ausländische Emittenten, die ihre Anleihen an der Luxemburger Börse notieren und handeln möchten, beauftragen häufig zusätzlich zu ihren Hauptvertretern einen luxemburgischen Anbieter.“

Zusammenfassend lasse sich sagen, dass die Tätigkeiten des „Listing Agents“ mit der Verwaltung der Anleihe verbunden sind, jedoch keine finanzielle Unterstützung oder Investition seitens des Maklers beinhalten.

Kritiker weisen hingegen darauf hin, dass die Banken, auch wenn sie nicht selbst direkt Finanzmittel bereitstellen, unerlässlich für das komplette Finanzierungsmodell via Anleihen sind. Ohne ihre Dienstleistungen würden keine Bonds an den Markt kommen und wären nicht an den Börsen handelbar. „Durch die Teilnahme an Underwriting-Aktivitäten werden Banken mitschuldig an den Emissionen, die aus Anleihen von Öl- und Gasunternehmen entstehen. Sie helfen ihnen, Geld zu sammeln, und wissen, wofür dieses Geld verwendet wird", sagt etwa Andreas Rasche, Professor für nachhaltige Finanzen, Copenhagen Business School.

Unternehmen für fossile Brennstoffe hätten ein großes Problem, wenn die Banken ihre Anleihen nicht mehr zeichnen würden.

Theodor Cojoianu, University of Edinburgh 

Unternehmen für fossile Brennstoffe hätten ein großes Problem, wenn die Banken ihre Anleihen nicht mehr zeichnen würden, sagt Theodor Cojoianu von der University of Edinburgh gegenüber Follow the Money. „Das wäre ein großes Signal. Ich bin mir nicht sicher, ob die Anleger noch bereit wären, ihr Geld zu investieren, wenn die großen Investmentbanken nicht mehr bereit wären, sie zu zeichnen“, so der Finanzwissenschaftler.

Wenig auskunftsfreudig

Die BIL schreibt zudem, dass die Einnahmen aus der gesamten Anleiheverwaltungstätigkeit nur einen sehr kleinen Teil der Gesamteinnahmen der Bank ausmachten. Wie hoch die Einnahmen sind, möchte man aber auf Nachfrage ebenso wenig mitteilen wie die Höhe der üblichen Gebühren, die die Bank als Listing Agent kassiert.

Insgesamt ist auffällig, wie schmallippig die Banken werden, wenn sie über ihre Beteiligung an fossilen Anleihen befragt werden, während sie in Jahresberichten und Sonderreporten ausführlich Auskünfte über ihre Bemühungen um eine nachhaltigere Finanzwelt geben.

Die Quintet Private Bank, die als Listing Agent für 20 Anleihen in Höhe von mehr als 40 Milliarden Euro aktiv war, reagierte trotz Nachfrage überhaupt nicht auf die Zusendung eines Fragenkatalogs. Auch die Luxemburger Anwaltskanzleien bleiben stumm. So antworte Loyens & Loeff, die als Rechtsberater an drei Anleihen in Höhe von zwei Milliarden Euro beteiligt waren, ebenfalls nicht auf die Bitte um eine Stellungnahme.

LuxSE verweist auf grüne Aktivitäten

Auch die Luxemburger Börse, die sich selbst als „the home of sustainable finance“, also die Heimat nachhaltiger Finanzen, bezeichnet, möchte lieber nur schriftlich auf eine Interviewanfrage des „Luxemburger Wort“ antworten. Dabei werden in der untersuchten Stichprobe abgesehen von deutschen und amerikanischen Börsen nirgendwo so viele Anleihen von fossilen Firmen gehandelt wie im Großherzogtum.

Die Börse verweist in ihrer Stellungnahme darauf, dass in Luxemburg 1.750 nachhaltige Bonds (ESG) von 290 Firmen gehandelt werden, die damit 930 Milliarden Euro eingesammelt hätten. Allein im laufenden Jahr seien grüne Anleihen im Wert von 140 Milliarden Euro gelistet worden, was etwa 17 Prozent der neu gelisteten Anleihen entspricht.

In Bezug auf die fossilen Firmen, die ebenso auf die LuxSE zurückgreifen, schreibt die Börse, dass viele von ihnen an ihrem Übergang zu einem stärker dekarbonisierten Modell arbeiteten und Zugang zu Marktfinanzierungen benötigten, um diesen Wandel zu finanzieren. Daher sei es wichtig, dass die Unternehmen, die sich für eine Beschleunigung ihres Wandels entscheiden, Zugang zu den notwendigen Finanzmitteln erhielten.

Keine Ausschlusskriterien

„Was unsere Börsennotierungsaktivitäten betrifft, hat LuxSE keine branchenbezogenen Ausschlusskriterien festgelegt, da wir die Verantwortung haben, das Risiko der Entstehung von Schattenkapitalmärkten zu verringern, die es den von uns ausgeschlossenen Unternehmen ermöglichen würden, weiterhin Zugang zu Finanzierungen zu erhalten, auf völlig intransparente Art und Weise“, schreibt das Unternehmen auf die Frage, ob man bestimmte Anleihen ausschließe. Zudem hätten einige Firmen aus der Liste gleichzeitig nachhaltige Bonds begeben, die an bestimmte grüne, überprüfbare Ziele, oft im Hinblick auf die Reduktion des CO₂-Ausstoßes, geknüpft seien.

Aber auch, wenn viele der Unternehmen Besserung gelobt haben, diejenigen, die im Rahmen der Recherche untersucht wurden, weiten ihre Aktivitäten im Bereich der fossilen Energien aus. Viele der auf dem Markt befindlichen Anleihen dieser Firmen haben zudem eine lange Laufzeit. Das bedeutet, dass sie erst nach 2030 fällig werden, in manchen Fällen auch nicht vor 2090. Das deutet darauf hin, dass Anleger entweder Anleihen in der Überzeugung kaufen, dass die Unternehmen, die das Geld geliehen haben, nach der Abkehr von fossilen Brennstoffen florieren werden, oder dass sie glauben, dass Kohle, Öl und Gas jahrzehntelang weiterhin profitabel sein werden und weiterhin den vereinbarten Festzinssatz zahlen. Sollte das sich das bewahrheiten, muss die Welt sich wohl von ihrem 1,5 Grad-Ziel verabschieden.