Switzerland

Attacke in Nizza: Frau in Kirche enthauptet – Frankreich verstärkt den Terrorschutz

Ein junger Mann ist am Donnerstagmorgen kurz vor neun Uhr in die Basilika Notre-Dame de l’Assomption (Mariä Himmelfahrt) von Nizza eingedrungen und hat die Anwesenden mit einem Messer angegriffen. Nach ersten Polizeimeldungen brachte er eine 70-jährige Frau sowie den Kirchenabwart um.

Eine zweite, ebenfalls am Hals verletzte Frau konnte sich in eine benachbarte Bar retten, verschied dort aber kurz darauf. Nach inoffiziellen Angaben sollen bei der Attacke weitere Personen verletzt worden sein.

Der Angreifer, nach unbestätigten Meldungen ein 25-jähriger Tunesier, wurde nach einigen Minuten von einer Polizeipatrouille in der Basilika gestellt. Er soll die Ordnungshüter bedroht haben und wurde darauf von mehreren, in der Nachbarschaft hörbaren Schüssen unter anderem in die Schulter getroffen. In ein städtisches Spital gebracht, soll er noch auf dem Transport «Allahu akbar» (Gott ist gross) skandiert haben.

Weitere Angriffe in Avignon und in Saudi-Arabien

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlung. Premierminister Jean Castex gab bekannt, dass er das französische Anti-Terror-Dispositiv «Vigipirate» um eine Dringlichkeitsstufe hebe. Unklar war, ob ein weiterer Vorfall in der 200 Kilometer von Nizza entfernten Provence-Stadt Avignon mit dem Anschlag in Nizza zusammenhängt. In der Nähe einer psychiatrischen Klinik griff ein Mann Passanten gegen elf Uhr mit einer Faustfeuerwaffe an; er wurde von Polizisten erschossen.

Für eine internationale Dimension sorgte ein weiterer Anschlag in Saudi-Arabien. Ein Einheimischer griff den Türsteher des französischen Konsulates von Dschidda mit einem Messer an, wie die französische Botschaft in einem Communique mitteilte. Das Opfer wurde unter anderem am Hals verletzt, der Angreifer aber rasch festgenommen.

Mindestens dieser Angriff könnte auf die Debatte um die Mohammed-Karikaturen des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo zurückgehen. Vor zwei Wochen hatte ein 18-jähriger Tschetschene im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine einen Geschichtslehrer ermordet und enthauptet, nachdem dieser in der Staatsbürgerkunde das Thema Meinungsfreiheit mit den umstrittenen Zeichnungen illustriert hatte.

Macron reist an den Tatort

In Paris läuft seit September der Prozess gegen die Helfershelfer jener Terroristen, die 2015 zwölf Charlie-Mitarbeiter ermordet hatten. Das Magazin veröffentlichte zum Anlass alte Karikaturen. In diversen Ländern wie Pakistan kommt es seither zu Protestkundgebungen. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Karikaturen als «islamfeindlich» bezeichnet. Das provokative Wochenmagazin karikierte ihn darauf, wie er die islamische Bekleidung einer Frau hochhebt und ihren Hintern entblösst.

Nach Bekanntwerden des Anschlags in Nizza unterbrach die Nationalversammlung in Paris ihre Debatten für eine Schweigeminute. Präsident Emmanuel Macron reiste umgehend an den Tatort in Nizza. Für Entsetzen und Bestürzung sorgt in Frankreich nicht nur der Angriff auf Kirchgänger, sondern auch das Symbol Nizza: Die Metropole der Côte d’Azur war 2016 von einem der mörderischsten Terrorattacken heimgesucht worden, als ein Attentäter am französischen Nationalfeiertag mit einem Lastwagen 87 Menschen zu Tode fuhr.

Auch mit Kirchenanschlägen hat Frankreich Erfahrung. Im Pariser Vorort Villejuif wurde ein Anschlag während einer voll besetzten Messe im Jahr 2015 knapp verhindert; ein Jahr später wurde dem Priester der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray (Normandie) die Kehle durchgeschnitten.

Früherkennung durch Geheimdienste praktisch unmöglich

All dies kommt nun in Frankreich wieder hoch. Damit nicht genug, wird sich am 13. November auch der Anschlag auf das Konzertlokal Bataclan zum fünften Mal jähren. Damals lenkte die syrisch-irakische Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) aus Syrien die gut organisierten Banlieue-Jihadisten. Nach der IS-Niederlage handeln Attentäter in Frankreich teilweise auf eigene Faust.

Die Früherkennung dieser geheimdienstlich nicht registrierten Täter sei fast unmöglich, meinte der Polizeigewerkschafter David-Olivier Reverdy: «Das sind Unbekannte, die aus dem Nichts kommen, mit Waffen, die man sich überall beschaffen kann.»

Ratlosigkeit prägte auch die sofort einsetzende Debatte um den Schutz der französischen Kirchen. Der konservative Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, forderte Fernsehsender BFM die Rückkehr zum Notrecht, wie es in Frankreich von 2015 bis 2017 gegolten hatte. Ein Polizeivertreter entgegnete: «Man kann ja nicht vor jede der 40 000 Kirchen im Land einen Gendarm stellen.»

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