Switzerland

Der Verdacht fällt wieder auf Ramsan Kadyrows langen Arm

In Österreich ist ein Exil-Tschetschene ermordet worden, der sich stark exponiert hatte. Scharfe Kritiker des tschetschenischen Republik-Oberhaupts lebten auch in der Vergangenheit gefährlich.

Der tschetschenische Führer Ramsan Kadyrow auf einem Plakat in der Hauptstadt Grosny. «Ich bin für die Jugend», heisst es darauf. Kadyrow hält die russische Teilrepublik im eisernen Griff.

Der tschetschenische Führer Ramsan Kadyrow auf einem Plakat in der Hauptstadt Grosny. «Ich bin für die Jugend», heisst es darauf. Kadyrow hält die russische Teilrepublik im eisernen Griff.

Mikhail Galustov / Laif

Mamichan U. hatte unter dem Pseudonym «Ansor aus Wien» vor wenigen Tagen erst sein letztes Video aufgenommen und in seinen Youtube-Kanal gestellt. Darin griff er einmal mehr Ramsan Kadyrow, das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus, und dessen Familie grob an. Am Samstagabend wurde er ausserhalb der österreichischen Hauptstadt von mehreren Schüssen getroffen und getötet. Zwei Tatverdächtige – beide Tschetschenen – sitzen mittlerweile in Haft. Die Vorgeschichte des Opfers, seine umstrittenen Äusserungen als Blogger und das Wissen darum, dass sich tschetschenische Exilanten nicht in Sicherheit wiegen können, deuten auf einen Auftragsmord hin.

Dubioses Vorleben

U. war 2005 als Flüchtling nach Österreich gekommen und hatte, wie andere mit gleichem Schicksal auch, einen neuen, deutsch klingenden Namen angenommen. Unter den Tschetschenen, die sich aus dem Exil politisch äussern, war er in mehrfacher Hinsicht ein Spezialfall. Zum einen hatte er erst vor wenigen Monaten begonnen, sich so pointiert öffentlich darzustellen. Im Unterschied zu Tumso Abdurachmanow, der in Nordeuropa im Exil lebt, seit längerem als eine kritische Stimme bekannt ist dank seinem Video-Blog und im Februar knapp einem Anschlag entging, oder dem Ende Januar in Lille tot aufgefundenen tschetschenischen Blogger Imran Alijew war «Ansor» noch nicht so lange bekannt. Zum andern ging diese Bekanntheit mit einem Bekenntnis in einem ukrainischen Kanal im Internet einher, das viele ungeklärte Fragen um Mamichan U. aufwarf, wie jetzt zahlreiche Recherchen russischer und ausländischer Medien zeigen.

Die Verbindung zur Ukraine ist auch deshalb interessant, weil sie auf einen oft nicht so weit verbreiteten Umstand verweist: Während der Phase der aktiven Kampfhandlungen im Osten der Ukraine 2014/15 nahmen auf beiden Seiten tschetschenische Kämpfer teil. Jene, die auf der Kiewer Seite kämpften, standen in Opposition zu Kadyrow.

Mamichan U. gab an, er sei von Kadyrows Schergen angefragt worden, die Ermordung Adam Osmajews, des Kommandanten des auf Kiewer Seite eingesetzten tschetschenischen Dudajew-Bataillons, von dessen Frau Amina Oskujewa und von Igor Moseitschuk, einem früheren nationalistischen ukrainischen Parlamentarier und stellvertretenden Kommandanten des Asow-Regiments, zu organisieren. Letztgenannter hatte während des Ukraine-Krieges Kadyrow öffentlich beleidigt. U. präsentierte Audio-Mitschnitte, auf denen angeblich die Stimme eines engen Vertrauten Kadyrows, des russischen Parlamentsabgeordneten Adam Delimchanow, zu hören sein soll. Dieser wird seit langem mit vielen der Attentate auf Exil-Tschetschenen in Verbindung gebracht.

Auf Osmajew, Oskujewa und Moseitschuk wurden 2017 tatsächlich Anschläge verübt; Oskujewa verlor dabei das Leben. U. soll 2018 detaillierte Zeugenaussagen gegenüber dem ukrainischen Geheimdienst gemacht haben, wie die russische Zeitung «Nowaja Gaseta» schreibt. Einem auch von dem Mord an dem Exil-Tschetschenen Umar Israilow 2009, ebenfalls in Wien, her bekannten Mann wurde der Prozess gemacht. Weitere Ermittlungen verliefen aber offenbar aus ungeklärten Gründen im Sande, und U. durfte auch nicht mehr in die Ukraine einreisen. Aus der Ukraine sollen «Ansor» und seine Familie in den vergangenen Wochen bedroht worden sein.

Kadyrows langer Arm

Der Chefredaktor des russischen Nachrichtenportals «Kawkaski Usel» («Kaukasischer Knoten»), Grigori Schwedow, nannte gegenüber Radio Swoboda nicht nur die möglichen Verstrickungen und das Mitwissen um Auftragsmorde an tschetschenischen Exilanten in Europa als einen Grund für den tödlichen Anschlag auf Mamichan U. Auch die Art und Weise, wie sich dieser in seinen Videos geäussert habe – in unflätiger und beleidigender Sprache –, könne die Tat motiviert haben. Kadyrow ist dafür bekannt, nach herabwürdigenden Äusserungen ihm und seinen Nächsten gegenüber keine Scheu vor drastischen Schritten zu haben. Zum Schutz der Ehre dürfe man solche Personen nie gewähren lassen, sagte er 2019 im staatlichen Fernsehkanal Grosny.

Kadyrow hält nicht nur seine Teilrepublik im eisernen Griff. Spuren von Morden an Politikern, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in anderen Teilen Russlands führen nach Tschetschenien – Boris Nemzow, Anna Politkowskaja und Natalia Estemirowa sind die bekanntesten Namen. In Moskau, Dubai, Katar und Wien liess er Gegner umbringen. Der Kreml lässt das despotische Regime gewähren, auch wenn es immer wieder gesamtrussische Gesetze missachtet. Kadyrow und seine Handlanger haben aber auch die grosse Diaspora in Europa über organisiertes Verbrechen und über die in Tschetschenien gebliebenen Verwandten von Exilanten unter Kontrolle. Das stellt auch den europäischen Sicherheitsbehörden nicht das beste Zeugnis aus.

Am Tatort: In Gerasdorf bei Wien wurde Mamichan U. am Samstagabend erschossen.

Am Tatort: In Gerasdorf bei Wien wurde Mamichan U. am Samstagabend erschossen.

Thomas Kronsteiner / Getty

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