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Switzerland

Die besten Romane des 21. Jahrhunderts

Die Fernsehserie sei das Genre des 21. Jahrhunderts, hört man immer wieder, sie löse den Roman als Erzählmedium ab. Ob das stimmt, mag die Zukunft zeigen. Es trifft zwar zu, dass grossartige TV-Vielteiler auch intellektuell orientierte Menschen in ihren Bann ziehen, also Lesezeit fressen. Es trifft aber auch zu, dass nach wie vor Bücher in grosser Zahl gekauft, gelesen, diskutiert werden. Und dass ihre Qualität nicht abgenommen hat.

Deshalb hat, wer die besten 20 des immer noch jungen Jahrhunderts auswählen will, die Qual der Wahl. Wobei einschränkend zu sagen ist, dass die folgende Auswahl erstens von einem einzelnen Leser (wenn auch Vielleser) getroffen worden ist, dass sie selbstredend subjektiv ist und geprägt von seiner Verortung in Mitteleuropa. Einen Versuch ist es trotzdem wert. Er zeigt übrigens auch: Der Literaturbegriff eines zeitgenössischen, aufgeschlossenen Lesers ist offener als früher, er umfasst auch All-Age-Literatur, wenn sie gut ist, und Grenzphänomene zum Journalismus. Hier sind die Highlights, chronologisch nach Jahren geordnet:

2001: «Die Korrekturen»
Von Jonathan Franzen, USA – Ein Weihnachtsessen im Mittleren Westen soll die übers ganze Land verstreute Lambert-Familie wieder zusammenführen, offenbart aber stattdessen, welche zentrifugalen Kräfte sie – und die Gesellschaft – auseinandertreiben. Wenigstens der Familienroman ist unzerstörbar.

2002: «Abbitte»
Von Ian McEwan, England – Ein kleiner jugendlicher Fehler mit katastrophalen Folgen, eine Schuld, die mit einem ganzen Leben nicht abzubüssen ist, nur mit der Literatur als fiktionaler Verarbeitung und letztem Trost. Das beste Buch dieses überaus produktiven Autors.

2004: «Am Hang»
Von Markus Werner, Schweiz – Ein leicht lebender und liebender Scheidungsanwalt und ein schwerblütiger, an der Welt leidender und sie verdammender Altphilologe liefern sich ein Duell. Es geht um das richtige Leben und um eine Frau. Vielleicht dieselbe? Markus Werners letztes Buch. Zum Nachruf auf Markus Werner.

Sein letztes Buch kann und sollte man zweimal lesen: Markus Werner. Foto: Keystone

2005: «Alles, was wir geben mussten»
Von Kazuo Ishiguro, England – Der Nobelpreisträger von 2017 entwirft eine radikal inhumane Welt, in der menschliche Klone aufgezogen werden, die ihre Organe nach und nach «spenden» – bis zum Tod. Und die damit einverstanden sind, weil sie sich eine andere Existenz gar nicht vorstellen können.
Zum Porträt anlässlich des Nobelpreises.

2006: «Der Nachfolger»
Von Ismail Kadaré, Albanien – Es gibt, trotz südamerikanischer Diktatorenromane, kein besseres Buch über die Paranoia, die absolute Macht erzeugt – bei den Untertanen, den Nahestehenden, dem Machthaber selbst. Kadaré hatte mit dem albanischen Diktator und seiner Entourage das beste Anschauungsmaterial vor Augen.

2006: «Jedermann»
Von Philip Roth, USA – «Das Alter ist ein Massaker», heisst der Schlüsselsatz des Buches. Roths Held Jedermann kämpft seinen letzten Kampf: nicht mit dem Tod, sondern mit seiner Fähigkeit, ihn zu ertragen. Ein Roman über die letzten Dinge, der nichts beschönigt. Zum Nachruf auf den Autor.

2006: «Der Wolkenatlas»
Von David Mitchell, England – Sechs Romane in einem, sechs Geschichten über mehrere Jahrhunderte, von der Entdeckungsfahrt zur Science-Fiction-Story, alle miteinander verknüpft und mit dem pessimistischen Fazit der Zivilisationsgeschichte: «Die Schwachen sind der Braten, an dem die Starken gut geraten.» Zum Gespräch mit dem Schriftsteller.

2007 (seit 1998): «Harry Potter»
Von Joanne K. Rowling, England – Die siebenbändige Saga um den Zauberschüler mit der gezackten Narbe hat Millionen Kinder zu Lesern gemacht. Auch Bildungsbeflissene kommen auf ihre Kosten; die Autorin recycelt Mythen und Motive der Weltliteratur. Die Welt, die sie erschaffen hat, ist aus unserer nicht mehr wegzudenken.

Den ersten Band ihrer weltberühmten Zauber-Saga schrieb sie im Café: Joanne K. Rowling. Foto: Dan Hallman / Invision / AP

2007: «Pandora im Kongo»
Von Albert Sánchez Piñol, Spanien – Ein tolldreistes Konditorenstück, eine Torte mit den Schichten Abenteuer, Kolportage, historischer Roman über Kolonialismus und Sklaverei, philosophische Betrachtung über die Banalität des Bösen, dazu Fantasy und Postmoderne. Auch aus kleinen Regionen, wie hier Katalonien, kommt Weltliteratur.

2008: «Der Turm»
Von Uwe Tellkamp, Deutschland – 1000 Seiten über die letzten Zuckungen der DDR, betrachtet aus einem Dresdner Villenviertel, in dem Bildungsbürger Kammermusik spielen, um die Tristesse des sterbenden Systems zu verdrängen. Tellkamp ist Chronist, Beschwörer und Verzauberer. Ein Dichter auf der Langstrecke. Zur Besprechung.

2009: «Eine Frau flieht vor einer Nachricht»
Von David Grossman, Israel – Ihr Sohn ist zu einem gefährlichen Militäreinsatz einberufen, die Mutter macht sich zu einer Wanderung auf, durch den Norden Israels und durch die Vergangenheit. Der Roman beschwört all die Kräfte, die sich der Vernichtung entgegenstellen können. Diese Literatur gehört dazu. Zum Gespräch mit dem Autor.

2010: «Tschick»
Von Wolfgang Herrndorf, Deutschland – Ein «Huckleberry Finn» für unsere Zeit: Zwei Halbwüchsige brennen mit einem alten Lada durch und fahren durch ostdeutsche Landschaften, als sei es der Wilde Westen. Die Ausreissergeschichte ist Film geworden, Schulstoff, Lieblingsbuch, Klassiker.
Zur Besprechung der Verfilmung.

2010: «Museum der vergessenen Geheimnisse»
Von Oksana Sabuschko, Ukraine – Der Zusammenbruch des Ostblocks und seiner Repressionsregimes führte zu einer Sonderblüte der Literatur, die immer noch anhält. Autoren wie Sabuschko füllen die Leerstellen der Geschichtsschreibung. Ihr führen Zorn und Pathos die Hand – und die Lust, endlich alles aussprechen zu können. Zur Kritik.

2013: «Secondhand-Zeit»
Von Swetlana Alexijewitsch, Weissrussland – Ihr Lebenswerk gilt dem «homo sovieticus» und seiner durch das System deformierten Persönlichkeit. In allen erdenklichen Exemplaren taucht er auf, erzählt, und die Autorin schreibt auf. Das ist Journalismus und Literatur zugleich, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis 2015.
Zum Essay der Autorin.

Die Chronistin der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten: Swetlana Alexijewitsch. Foto: Getty Images

2014: «Der Circle»
Von Dave Eggers, USA – Grosse Literatur ist das nicht, das liegt an der engen Perspektive der Ich-Erzählerin, die ganz aufgeht in dem Glück, für den weltbeherrschenden Digitalkonzern arbeiten zu dürfen. Aber «Der Circle» könnte die massgebliche Dystopie unserer Zeit sein: Freiwillige Selbstaufgabe. Zur Besprechung.

2015: «Lenins Küsse»
Von Yan Lianke, China – Lenins Leichnam soll einer entlegenen Provinzstadt Millionen Touristen bescheren und ihrem Parteibürokraten Ruhm und Aufstieg. Eine beissende Satire auf die Absurditäten des gegenwärtigen kapitalistisch-kommunistischen China und ein schaudernder Blick zurück in die Grausamkeiten der Vergangenheit. Zur Kritik.

In China mal preisgekrönt, mal verboten: Yan Lianke. Foto: John Phillips (Getty Images)

2016–2018: «Meine geniale Freundin»
Von Elena Ferrante, Italien – Vier Bände lang folgt die Autorin, die ihr Pseudonym konsequent schützt, den Freundinnen Lila und Elena durch fünf Jahrzehnte italienischer Geschichte. Psychologisch raffiniert, gesellschaftlich breit angelegt, stilistisch brillant: anspruchsvolle Literatur mit Bestsellerqualitäten.
Zur Besprechung.

2017: «Kraft»
Von Jonas Lüscher, Schweiz – Altes skeptisches Europa trifft auf optimistisches, optimierungssüchtiges Amerika, mittendrin ein deutscher Professor in einer Finanz- und Lebenskrise. Er scheitert an einer philosophischen Preisfrage, mehr aber noch an seiner Ichbezogenheit. Ein komplexes Buch für kluge Köpfe.
Zur Besprechung.

2018: «Erinnerung eines Mädchens»
Von Annie Ernaux, Frankreich – #MeToo einmal ganz anders: Die grande dame der französischen Literatur blendet zurück zur 18-jährigen, die in einem Ferienlager ihr «erstes Mal» erlebt. Fast unheimlich, wie sie zwischen zwei Ichs vermittelt und wie nebenbei eine Sozialgeschichte der letzten Jahrzehnte schreibt. Zur Besprechung.

2019: «Die Jakobsbücher»
Von Olga Tokarczuk, Polen – Ein sonderbarer Heiliger durchstreift das jüdisch-christlich bunt gesprenkelte Polen des 18. Jahrhunderts, gelangt über Istanbul bis ins hessische Offenbach. Das Opus magnum der aktuellen Nobelpreisträgerin, im historischen Gewand ein Plädoyer für Vielfalt und gegen Dogmatismus.

Erhielt rückwirkend für 2018 den Literaturnobelpreis: Olga Tokarczuk. Foto: Keystone.

Welche Romane hätten Sie in eine solche Liste genommen? Unten, in der Kommentarspalte kann man mitdiskutieren.

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