Switzerland

Die Schweinchenmacherin

Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt ist es schon wieder passiert. Mein Schweinchen ist am Bauch platt gedrückt und weist einen Daumenabdruck auf. Meinen Daumenabdruck. So kann es nicht verkauft werden. Es ist chancenlos und wird zu einem Klumpen zusammengedrückt. Ich fange noch einmal an. Neues Schweinchen, neues Glück.

Ich sitze schon seit gut zwei Stunden auf dem Stuhl in der Produktionsstätte der Olo Marzipan O. Lohner AG an der Lyssacher Shoppingmeile, Abteilung Formerei. Mir gegenüber arbeiten Marianne Bürki und Julia Reinhard. Unsere Aufgabe: Die von einer Maschine portionierten rosa Marzipanbällchen in eine Pressform drücken, die Ränder der so vorgeformten Figuren von Hand oder mit einem Plastikspachtel glatt streichen und schliesslich ein Kleeblatt mit einem Pilz befestigen.

«Siehst du, so schräg auf der Höhe des mitt­leren Fingers des Schweinchens», sagt Marianne, wir sind schon von Anfang an per Du. Während ich an meinem Glücksbringer minutenlang herumdoktere, geht es bei den anderen beiden ruckzuck – und sieht erst noch schöner aus. Die Routine halt, tröste ich mich. Reihe um Reihe wird angelegt. Blech um Blech füllt sich, 120 Schweinchen pro Blech. Am Ende müssen es laut Auftrag 1320 Stück sein.

Um 7 Uhr – eine Viertelstunde nachdem die Schicht für die Olo-Angestellten begonnen hat – stand ich im Fabrikladen. Produktionsleiter Martin Isch holte mich dort ab und überreichte mir ein weisses Shirt, eine Schürze und eine Haube. Schmuck und Piercings zu tragen, sei tabu, sagte er. Ich zog mich um, wusch und desinfizierte Hände und Arme. Etwas, das ich an diesem Tag noch öfters machen sollte.

Martin Isch führte mich kurz durch die Marzipanproduktion, die über fünf Stockwerke geht und maschinell abläuft. Er zeigte mir, wie die Mandeln gereinigt, geschält, getrocknet, sortiert, zerkleinert und mit den anderen Zutaten – Zucker und Glukose – vermischt werden. Die Masse wird danach abgekocht und geknetet.

Und jetzt sitze ich also hier und forme Glücksschweinchen fürs Neujahr. Das Marzipan klebt an meinen Fingern. Ich tauche sie in eine Schale mit Alkohol. Handschuhe tragen ist bei dieser feinen Arbeit unmöglich. Fingerspitzengefühl ist erforderlich. Glätten, Kleeblatt stecken, glätten, Kleeblatt stecken.

Ob das nicht langweilig werde, frage ich Marianne nach der viertelstündigen Znünipause. «Nein», antwortet sie. «Wir machen ja nicht immer ­dasselbe, die Figuren wechseln.» Am Nachmittag beispielsweise kämen Igel dran. Und bei manchen Tieren könne man noch mehr selber modellieren. Je länger ich bastle, desto mehr packt mich der Ehrgeiz, es besser zu machen. Mit der Zeit habe ich den Dreh raus, aber ich bin noch weit entfernt von dem, was meine Nachbarinnen abliefern.

Ich dürfe übrigens auch probieren, sagt Marianne. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Mit Marzipan scheint es so zu sein: Man liebt es innig, oder man mag es überhaupt nicht. Ich gehöre zu Ersteren, mir schmeckts. Aber ich bin ja auch diejenige, die von der Rüeblitorte die Marzipankarotten wegschnappt.

Kurz vor Mittag werfe ich noch einen Blick in die Marzipanfrüchte- und -gemüseproduktion. Am Fliessband werden gerade Tomaten angefertigt. Walzen rollen Marzipanmasse zu einem Strang, unten kullern Kugeln auf das Förderband. Ich helfe Kanan Ampalam, Reste sowie zu kleine und zu unförmige Teile auszu­sortieren. Es ist ein bisschen wie bei der Kartoffelernte auf dem Samro. Dann stanzt ein Roboter ein Loch für das Grünzeug, ein anderer ordnet die Tomaten auf dem Blech an. Circa 10'000 Stück pro Stunde können die Roboter herstellen. Insgesamt müssen 144 Kilo Marzipanmasse verar­beitet werden.

Nach der dreiviertelstündigen Mittagspause ­– es gab Älplermakkaronen in der Kantine – darf ich in der Malerei mitarbeiten, eine einigermassen kreative Aufgabe. Hier herrscht Weihnachtsstimmung, es sollen Schneemänner dekoriert werden. Immacolata Rino-Gitto aus Burgdorf nimmt mich in ihre Obhut. Sie arbeitet seit 37 Jahren in der Fabrik. Auf Plättchen mischt sie für mich Farbe an. Wir malen mit dem Pinsel zartrosa Bäckchen. Eigentlich. Meine sehen eher aus, als wäre der Schneemann aus einem Schneesturm gerade in die heisse Stube gekommen. «Versuche es doch noch einmal», meint Immacolata und lächelt. Ich wische die Farbe weg. «Perfekt», sagt sie nach einem meiner zahlreichen Versuche. Ich weiss, dass es nicht stimmt. «Ach, das ist Handarbeit, keines ist gleich.» Sie freut sich, jemandem ihr Handwerk zu vermitteln.

Während mir das Backenmalen Schwierigkeiten bereitet, scheine ich im Augen- und Knöpfeauftragen mit einem Spritzsack ein Naturtalent zu sein. Nur die orange Rüeblinase aus Zuckerglasur gleicht eher der von Pinocchio, wenn er gelogen hat. Eine ruhige Hand ist gefragt. Später erhält der Schneemann einen Zylinder und eine Glocke und wird mit einem natürlichen Lack besprüht, damit er glänzt. Aber das passiert nicht mehr an diesem Tag.

Eine Stunde bleibt noch dazu, mich in der Verpackerei umzusehen. Ich helfe zwar mit, packe es aber fast nicht mehr. Trotzdem mobilisiere ich meine letzten Kräfte: Seitenfalzbeutel über einen Ständer stülpen, Hintergrund hineinlegen, Marzipansöili platzieren, Beutel mit einer Schweiss­maschine versiegeln, Preis und Zutatenetiketten aufkleben, die Packungen vorsichtig in den ­vorbereiteten Karton stellen. Fertig.

Nach dem Putzen ist Feierabend. Es ist 16.45 Uhr. Ich bin saumüde und muss am nächsten Tag zum Glück nicht mehr antraben. Aber die anderen werden wieder um 6.45 Uhr in der Olo-Farbik stehen. Hut ab! (Berner Zeitung)

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