Switzerland

«Ein Sforzato ist wie ein Komet»

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester will sich von den erschwerten Bedingungen die Stimmung nicht verhageln lassen und feiert sein 50-jähriges Bestehen mit einer Tournee durch die Schweiz.

Steil nach oben weisende Fortschrittskurve: Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester wurde 1969 in Zürich initiiert und veranstaltet seit 1971 in wechselnder Besetzung Konzerte und Tourneen.

Steil nach oben weisende Fortschrittskurve: Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester wurde 1969 in Zürich initiiert und veranstaltet seit 1971 in wechselnder Besetzung Konzerte und Tourneen.

SJSO

Natürlich war alles ganz anders geplant. Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester (SJSO) wollte sein 50-jähriges Bestehen mit zwei ambitionierten Tourneen und einem abschliessenden Festakt samt Party in Bern feiern. Doch die Corona-Pandemie hat die Pläne weitgehend zunichtegemacht. Die Frühjahrstournee musste komplett abgesagt werden; die gegenwärtige Herbsttournee kann zwar stattfinden, aber nur unter ungewöhnlichen Bedingungen.

Statt zweier gross besetzter Tondichtungen von Richard Strauss stehen nun eine Haydn-Sinfonie und Beethovens Zweite auf dem Programm. Das eröffnet die Möglichkeit, zwei kleine Teilorchester mit je 34 Mitwirkenden zu bilden, die während der Probezeit und bei den Aufführungen strikt getrennt werden. Sollte sich in der einen Gruppe jemand mit dem Virus infizieren, könnte – so die Idee – spontan die andere Gruppe einspringen. Verrückte Zeiten verlangen halt unkonventionelle Lösungen.

A und B

Geprobt wurde in der zweiten Oktoberwoche im Resort Catrina in Disentis. Nachdem am Mittwoch das Teilorchester A abgereist ist, nimmt am Donnerstag das Teilorchester B seine Arbeit auf. Und nachdem der Dirigent Kai Bumann in den drei Tagen zuvor das gesamte Programm mit der ersten Formation einstudiert hat, beginnt er nun mit der zweiten Formation wieder von vorne.

Am Nachmittag ist der erste Satz der Beethoven-Sinfonie an der Reihe. Mit seiner typischen Mischung aus Geduld und Hartnäckigkeit probt Bumann Abschnitt für Abschnitt. Auf der technischen Ebene geht es um Rhythmus, Dynamik, Artikulation oder Bogenstriche. Immer wieder benutzt der Dirigent bildliche Vergleiche, um den gewünschten Effekt zu erreichen. «Ein Sforzato ist wie ein Komet», sagt er, «vorne ist der grelle Lichtpunkt, dahinter der verglühende Schweif.» Nach über zwei Stunden Probenarbeit klingt dieser Beethoven-Satz schon fast professionell. Die Konzentration der jungen Musikerinnen und Musiker ist beeindruckend, und die Fortschrittskurve zeigt steil nach oben.

Der Dirigent Kai Bumann bei der Probenarbeit in der Zürcher Tonhalle Maag.

Der Dirigent Kai Bumann bei der Probenarbeit in der Zürcher Tonhalle Maag.

SJSO

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester ist ein Klangkörper aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren, die aus allen Landesgegenden stammen. Neunzig Prozent von ihnen studieren an einer Schweizer Musikhochschule, der Rest besteht aus talentierten Amateuren. Im SJSO sammeln die jungen Musiker Erfahrungen im Orchesterspiel – dieser Schatz dürfte etlichen von ihnen in ihrer späteren Karriere als Orchestermusiker zugutekommen. Und sie spüren in der Zusammenarbeit ganz real, was es bedeutet, dass die Schweiz ein Land mit verschiedenen Kulturen und Sprachen ist.

«Es kommt nie zu einer Abnützung»

Gegründet wurde das SJSO 1969 in Zürich von Christoph Reimann und Roman Jann, zwei musikbegeisterten Teenagern mit Enthusiasmus und Organisationstalent. Den ersten Dirigenten fanden die beiden in Hans Rogner, der sein Amt im April 1970 antrat. Das erste Konzert des SJSO fand 1971 im Hotel Laudinella in St. Moritz statt; im gleichen Jahr durfte das frischgebackene Orchester in Lausanne die Schweiz beim Internationalen Jugendorchester-Festival vertreten. 1982 wurde der lockere Verein in eine Stiftung mit eigener Geschäftsstelle umgewandelt. Massgeblichen Anteil an der künstlerischen Entwicklung hatte Andreas Delfs (1984–95), der das Orchester zu einem ambitionierten Klangkörper umformte.

2001 drohte dem SJSO das Grounding, als der damalige Hauptsponsor absprang. Heute sind die finanziellen Verhältnisse des Orchesters einigermassen stabil. Das Budget beträgt rund 800 000 Franken. Dabei bringen Sponsoren, allen voran die Bank Cler als Hauptsponsor, sowie die Förderergesellschaft, Stiftungen und Eigenleistungen rund siebzig Prozent der Summe auf. Der Rest stammt vom Bund und einzelnen Kantonen und Gemeinden. Mit dem Geld werden zur Hauptsache die Kosten der beiden jährlichen Tourneen des Orchesters finanziert.

Kai Bumann leitet das SJSO bereits seit 22 Jahren, länger als jeder seiner Vorgänger. Warum? «Es herrscht bei den jungen Leuten», sagt er, «eine grosse Bereitschaft, etwas zu lernen, eine Entdeckerfreude, die ich bei den Berufsorchestern nicht finde.» Der in Berlin geborene Dirigent weiss, wovon er spricht: Er baute seine Karriere hauptsächlich in Polen auf, ist heute Chefdirigent der beiden Orchester der Philharmonie von Bromberg und Professor für Dirigieren an der Musikakademie Danzig. Dass die SJSO-Musiker ihr Orchester mit 25 Jahren verlassen müssen, dann also, wenn er sie künstlerisch dahin gebracht hat, wo er sie haben möchte, hat für ihn auch einen Vorteil: «Es kommt nie zu einer Abnützung.»

Als es noch ohne Masken und Sicherheitsabstände zwischen den Pulten ging: das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester beim Proben in der Tonhalle Maag.

Als es noch ohne Masken und Sicherheitsabstände zwischen den Pulten ging: das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester beim Proben in der Tonhalle Maag.

SJSO

Die jungen Musiker schwärmen für die «grossen Schwarten» des Repertoires, also für Mahler, Bruckner, Strauss und Schostakowitsch. Dessen 7. Sinfonie, die «Leningrader», aufgeführt bei der Herbsttournee 2019, liegt inzwischen als CD-Einspielung vor. Dass sich für das «Corona-Programm» der diesjährigen Herbsttournee so viele Mitglieder angemeldet haben, erstaunt Bumann noch immer. Offenbar sei das Bedürfnis, überhaupt spielen zu können, sehr gross.

Eine der Mitwirkenden ist Nicole Benz, die einen Bachelor in Kulturwissenschaften in der Tasche hat. Im SJSO spielt sie in der zweiten Geige und ist Präsidentin der Musikkommission. Sie ist schon seit sechs Jahren dabei und hat noch keine einzige Tournee verpasst. Angesprochen auf die Stimmung im Proben-Resort, sagt sie: «Sie ist schon etwas gedrückter als sonst, aber wir wollen jetzt nicht Panik machen.» Das Zürcher Konzert der Herbsttournee, die auch nach Basel, Schaffhausen, Lugano und Bern führen soll, findet am 24. Oktober in der Tonhalle Maag statt.

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