Switzerland

Einblick in die Arbeit bei der Dargebotenen Hand: Ein offenes Ohr für Sorgen

«Hier ist die Dargebotene Hand. Guten Tag», sagt Chantal* ins Telefon. Sie ist eine von 110 Freiwilligen, die anonymen Anrufern ein offenes Ohr für deren Sorgen schenkt.

Seit zehn Jahren ist die Pensionierte im Seelsorgeteam in Zürich. «Ich wollte eine sinnvolle Tätigkeit ausüben, nachdem unsere drei Kinder ausgezogen sind und ich pensioniert wurde», erzählt sie, als BLICK sie bei der Arbeit besucht.

Ein Jahr lang wurde Chantal für die Telefonseelsorge 143 geschult. Vorher war sie in der Erwachsenenbildung und in der psychiatrischen Krankenpflege tätig. «Das ist sicher ein Vorteil für meine Tätigkeit hier», erklärt sie in einer Telefonpause. Es ist ein ausgesprochen ruhiger Vormittag bis jetzt. Fünf Stunden dauert Chantals Dienst schon. Über Mittag ziehen die Anrufe dann merklich an.

Einsätze rund um die Uhr

Den Namen der Anrufenden erfährt Chantal nur, wenn sie ihn von sich aus nennen. Anonymität ist das oberste Gebot bei der kostenlosen und schweizweit tätigen Telefonseelsorge der Dargebotenen Hand mit der Telefonnummer 143. Auch BLICK kann die Telefongespräche nicht mithören.

Während 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr nehmen Freiwilligen die Anrufe entgegen. Von Chantal ist während der Telefongespräche nicht viel zu hören. Sie hört der Anruferin vor allem aufmerksam zu und fragt nur wenig nach. Nach fünf Minuten endet das Gespräch abrupt. «Die Anruferin hat einfach aufgelegt.»

Im zweiten Büro in der Wohnung ist eine weitere Freiwillige im Einsatz. Wenn einmal keine Anrufe kommen, tauschen sich die beiden Frauen auch während der Schichten aus. Besonders gegen Abend laufen die Drähte heiss. «Wir nehmen immer jeden Anruf entgegen. Wenn wir bereits in einem Gespräch sind, nehmen wir den Anruf auf einer Zusatzlinie an und vertrösten auf einen späteren Zeitpunkt», sagt Chantal.

Einsamkeit und Familienzwiste in der Vorweihnachtszeit

Wieder klingelt Chantals Telefon. Eine Frau in einer anspruchsvollen leitenden Tätigkeit erzählt von Schlafstörungen und Stress im Job. Nach etwa 20 Minuten lachen die beiden Frauen am Telefon. Schon während des Gesprächs hat die Anruferin neue Energie entwickelt und sich einen Plan zurechtgelegt, wie sie die Situation in nächster Zeit bewältigen kann. «Oft hilft es den Menschen schon, wenn einfach jemand zuhört oder sie Dampf ablassen können», weiss Chantal.

Die Abstände zwischen den Anrufen werden kürzer. Ein besorgter Mann fragt um Rat für einen unbekannten Obdachlosen, den er angetroffen hat. Chantal gibt ihm die Nummer einer Notschlafstelle. «Das freut mich natürlich, wenn ich mitkriege, dass man sich auch im Alltag für unbekannte Mitmenschen in Not sorgt.»

Viel häufiger kommt aber das Thema Einsamkeit bei der Telefonseelsorge vor. «Nicht unbedingt erst an Weihnachten. Das fängt jetzt in der Vorweihnachtszeit schon an», sagt Chantal. Oftmals kommen aber vor den Feiertagen auch Familienzwiste auf, wie Probleme mit den Schwiegereltern oder Ähnliches.

«Anrufe zum Thema Suizid haben um einen Drittel zugenommen»

Matthias Herren, Stellenleiter der Dargebotenen Hand in Zürich, bestätigt, dass besonders vor Weihnachten «Hochsaison» bei der Telefonseelsorge ist. Der befürchtete Ansturm während des Lockdowns im Corona-Jahr ist dagegen ausgeblieben.

«Aufgefallen ist uns aber, dass wir mehr Männer und mehr Erstanrufende hatten, die unser Angebot in dieser Zeit genutzt haben», sagt Herren. Arbeitslosigkeit, zum Teil Angst vor der Krankheit, aber auch Frust und Ärger sowie Suchtprobleme wurden bei den Telefongesprächen häufig thematisiert. «Um einen Drittel zugenommen haben Anrufe mit dem Thema Suizid.»

Belastende Gespräche

Auch bei Chantal ist jetzt eine Frau mit Suizidgedanken am Telefon. Ihr Schluchzen ist trotz Abstand zum Telefon zu vernehmen. Ruhig hört Chantal zu, versucht, zu beruhigen und erfährt im Gespräch, dass die Frau bereits in einer Klinik ist.

An einen sehr belastenden Telefonanruf in ihrer zehnjährigen Tätigkeit erinnert sich Chantal noch gut. «Ein Mann mit konkreten Suizidabsichten, der wissen wollte, ob seine geplante Methode tatsächlich zum sicheren Tod führen wird. Dieses Gespräch hat mich sehr beschäftigt, und ich weiss nicht, ob der Mann noch lebt.»

Bei der Dargebotenen Hand stehen allen Freiwilligen – wenn nötig – rund um die Uhr Fachmitarbeitende sowie regelmässige Supervision für das eigene Seelenwohl zur Verfügung. «Ich habe bis jetzt noch nie psychologische Hilfe gebraucht. Nach schwierigen Gesprächen gehe ich zu Fuss nach Hause, damit ich das verarbeiten kann», sagt Chantal.

Es sei aber auch schon mehrfach vorgekommen, dass eine Person nach Wochen wieder anruft und dankbar mitteilt, dass ein Anruf bei 143 ihr damals das Leben gerettet und sie von einem Suizid abgehalten hat. «Solche Rückmeldungen sind natürlich eine Freude.»

Gespräche ohne Wertung und Akten

Schichten sind bei der Dargebotenen Hand nicht planbar. «Egal, ob Regen, Sonne oder Wochenende, jeder Arbeitstag ist überraschend. Wir wissen nie, was uns erwartet », so Chantal.

Auch bei den Hilfesuchenden gibt es, soweit das durch die freiwilligen Hinweise der Anrufenden erkennbar ist, kein klares Muster. «Vom hilfesuchenden Polizisten über Banker, Kriminelle oder Psychologen hatte ich schon ganz verschiedene Telefongespräche.»

Verantwortlich sind die Freiwilligen nicht, sie können wegen der Anonymität auch gar nicht intervenieren. Matthias Herren dazu: «Wir legen keine Akten an, sondern erfassen lediglich, ob es sich bei den Anrufenden um Männer oder Frauen handelt. Das erfassen wir am Computer für die Statistik.»

Ein offenes Ohr für alle zu haben, ohne zu werten, das sei ihre Aufgabe, sagt auch Chantal, bevor sie einen weiteren Anruf entgegennimmt.

*Name von der Redaktion geändert

Hier finden Sie in persönlichen Krisen Hilfe

Für Menschen in persönlichen Krisen gibt es rund um die Uhr Anlaufstellen.

Das sind die Wichtigsten:

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Nummer 143
Beratungstelefon Pro Juventute: Nummer 147

Weitere Infos erhalten Sie bei: www.reden-kann-retten.ch
Adressen für Menschen, die einen Menschen verloren haben: www.verein-refugium.ch
Perspektiven nach Verlust ­eines Elternteils: www.nebelmeer.net

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