Switzerland

Eklat im Bistum Chur: Auch Sonderfälle haben ein Verfallsdatum

Das Domkapitel des Bistums Chur weigert sich, einen Bischof zu wählen, und wird dafür kritisiert. Dabei sollte man besser über grundsätzliche Fragen nachdenken.

Noch ist die Nachfolge im Bistum Chur ungelöst. Zeit, über den Sonderfall Zürich nachzudenken.

Noch ist die Nachfolge im Bistum Chur ungelöst. Zeit, über den Sonderfall Zürich nachzudenken.

Steffen Schmidt / Keystone

Wenn im Bistum Chur etwas nicht so läuft, wie es soll, ist der Schuldige meist rasch gefunden: Martin Grichting. Der langjährige Generalvikar ist gebildet, machtbewusst, politisch versiert, ein glänzender Debattierer – und in Glaubensfragen sehr konservativ. Konservativer, als man das sein darf, auch in der katholischen Kirche. Zumindest wenn man den Beifall der Mehrheit der liberalen Katholiken für sich haben möchte.

Das macht Grichting zum idealen Sündenbock. «Martin Grichting muss Chur verlassen», titelte das Onlineportal «kath.ch» am Montag. Für die meisten Beobachter schien klar: Das, was am Montag im Domkapitel geschehen ist, war Martin Grichtings Werk.

Was war geschehen? Das Domkapitel hat für einmal nicht das getan, was es bisher zuverlässig getan hatte: aus einer vom Vatikan vorgelegten Dreierliste den Kandidaten zu bestimmen, der zum neuen Bischof von Chur ernannt wird. Mit knapper Mehrheit haben die 22 Domherren die Liste dorthin zurückgeschickt, wo sie herkam: zum Papst. Der umstrittene Bischof Vitus Huonder, der vor anderthalb Jahren altershalber zurückgetreten ist, bekommt vorderhand keinen Nachfolger.

Wahl ohne echte Auswahl

So etwas hat es bisher tatsächlich noch nicht gegeben. Huonder selber war 2007 vom Domkapitel gewählt worden, obwohl es aus dem Kreis der Domherren zu massiver Kritik an der Wahlliste gekommen war und die Zürcher Kantonalkirche gegen die Modalitäten der Wahl protestierte. Das Verfahren sei eine Farce, hiess es. Die Domherren hätten keine echte Auswahl – nur die Wahl aus einer Liste, die sich aus dem Wunschkandidaten Roms und Nebendarstellern zusammensetze. Doch trotz allem Murren: Die Domherren wählten.

Diesmal haben sie es nicht getan. Und werden dafür kritisiert. Besser gesagt: Martin Grichting wird kritisiert. Er, so lautet der Tenor, habe die Wahl verhindert. Er allein, gegen die 21 anderen Domherren. Weil keiner der Kandidaten nach seinem Geschmack sei – zu wenig katholisch, zu wenig konservativ. Damit habe das Domkapitel den Papst desavouiert, monieren katholische Kritiker.

Ob das die ganze Wahrheit ist, bleibe dahingestellt. Über die Gründe, welche die Domherren zu ihrem Entscheid bewogen haben, kann man nur spekulieren. Aber dass sich ein Gremium weigert, eine Wahl zu vollziehen, wenn es nur Dinge abnicken kann, die schon im Vornherein bestimmt sind – das wäre im Grunde ein gutes Zeichen.

Ein Votum gegen Zürich

Eigentlich müsste man dem Domkapitel gratulieren, dass es sich wehrt gegen ein Verfahren, das Demokratie suggeriert, wo keine herrscht. Desavouieren die Domherren tatsächlich den Papst? Bei der Wahl von Vitus Huonder lautete der Vorwurf umgekehrt: Der Papst führe das Domkapitel vor, indem er ihm keine echte Wahl lasse. An den Modalitäten hat sich seither nichts geändert.

Nur, wir sind in der katholischen Kirche, die nicht demokratisch verfasst ist. Bischöfe werden grundsätzlich durch den Papst bestimmt, auf der ganzen Welt. Das Bistum Chur kennt für die Bischofswahl Mitbestimmungsrechte, die weiter gehen als in den meisten anderen Bistümern. Die Mitsprache ist zweifellos eingeschränkt. Aber in einem Umfeld, in dem es eigentlich keine Mitsprache gibt, ist ein bisschen Demokratie besser als gar nichts. Und ein Zeichen setzen darf man allemal.

Vor allem bei einem Papst, der so klar wie keiner vor ihm die Selbständigkeit der Ortskirchen betont. Dem Vernehmen nach sollen beim Entscheid der Domherren auch antizürcherische Reflexe mitgespielt haben. Es ist gut denkbar, dass sie am Ende stärker waren als die Frage, wie progressiv oder konservativ ein Kandidat ist. Denn eines darf nicht vergessen werden: Das Bistum Chur ist ein Sonderfall. Das damals weitgehend protestantische Zürich wurde 1819 eher zufällig dem Bistum Chur zugeschlagen. Die Zürcher Katholiken haben mehrere Anläufe unternommen, um diese provisorische Lösung in eine definitive, überzeugendere Regelung überzuführen. Gelöst wurde das Problem bisher nicht. Aber auch Sonderfälle haben ein Verfallsdatum.

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