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In ganz Weissrussland herrscht eine fast ausgelassene Stimmung auf den Strassen – aber Lukaschenko hofft auf Putin

In Minsk und vielen anderen Städten des Landes sind Tausende unterwegs. Die Polizei hält sich jetzt zurück. Der Machthaber Alexander Lukaschenko wittert eine Verschwörung, die auch Russland bedrohe.

Weissrussinnen und Weissrussen nehmen in Minsk von dem ersten Toten, Alexander Taraikowski, Abschied.

Weissrussinnen und Weissrussen nehmen in Minsk von dem ersten Toten, Alexander Taraikowski, Abschied.

Tatyana Zenkovich / EPA

Jede Volksbewegung hat ihre Helden. Es sind nicht nur jene, die im Rampenlicht stehen, nicht allein die Galionsfiguren, sondern oft die ersten Opfer. So ist es auch in Weissrussland, wo die Massen nicht mehr nur für ihre um den Sieg gebrachte Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja auf die Strassen gehen, sondern auch für Menschen wie Alexander Taraikowski. In der Nacht auf vergangenen Dienstag war er bei den Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Spezialeinheiten der Polizei (Omon) ums Leben gekommen, der erste Tote dieses Protestes. Laut offiziellen Angaben soll ein selbstgefertigter Sprengsatz in seiner Hand explodiert sein, den er auf Polizisten schleudern wollte. Augenzeugen und Freunde sind überzeugt davon, er habe nichts in der Hand gehalten und sei erschossen oder von einer Blendgranate getroffen worden. «Er ist der erste Held des neuen Weissrussland», sagt ein Mann in eine Fernsehkamera.

Hupen als Soundtrack der Proteste

Tausende haben am Samstagmittag an der U-Bahn-Station Puschkinskaja, dem Ort von Taraikowskis Tod, den mit 34 Jahren Verstorbenen geehrt. Wie an den Tagen zuvor brachten sie Blumen zum Ort des Gedenkens; bald waren alle ausverkauft am Blumenstand, wie Fotos zeigen. Sie hielten eine Schweigeminute ein, riefen «Es lebe Weissrussland!». Autos hupten fast ununterbrochen. Das Hupen ist der Soundtrack der weissrussischen Proteste seit dem Wahlkampf, neben den Liedern «Peremen» («Wandel») des genau vor dreissig Jahren ums Leben gekommenen russischen Rocksängers Wiktor Zoi und der russischen Version eines polnischen Liedes aus den achtziger Jahren.

Das Entsetzen über den toten Demonstranten und die furchtbaren Augenzeugenberichte aus den Foltergefängnissen der weissrussischen Polizei, die nach aussen dringen, hat die Bereitschaft immer weiterer Teile der Bevölkerung zum Protest nur noch angeheizt. In einer bis vor wenigen Monaten politisch apathischen Gesellschaft, die auch aus Furcht vor Repressalien an der Arbeitsstelle und durch die Geheimdienste lieber nicht aufmucken wollte, ist allein das bereits revolutionär.

Seit Freitag hat sich trotz all diesen gleichzeitig hervortretenden Schrecken unerwartet eine gewisse Leichtigkeit ausgebreitet, wie aus Videos und Berichten aus Minsk ersichtlich wird. Immer mehr Betriebe weigerten sich, zur Tagesordnung überzugehen. Frauen mit Blumen zogen in langen Menschenschlangen durch Minsk und wurden nicht aufgehalten von der Polizei. Angestellte Dutzender staatlicher Industrieunternehmen – die den Hauptharst der weissrussischen Wirtschaft ausmachen – legten die Arbeit nieder und solidarisierten sich mit dem Rest der Protestierenden. Eine Gruppe von Arbeitern des geradezu symbolhaften Minsker Traktorenwerks zogen in die Stadt auf den Platz der Unabhängigkeit und vereinigten sich dort mit weiteren Demonstranten.

Zurückhaltung der Sicherheitskräfte

Stundenlang verharrten Tausende vor dem Parlamentsgebäude friedlich. Kurze Zeit schien es gar, als würden sich die Omon-Angehörigen mit den Bürgern solidarisieren: Sie senkten ihre Metallschilde und liessen sich von jungen Frauen umarmen und mit Blumen beschenken. Viel Bedeutung hatte das allerdings wohl nicht. Zugleich fuhren Wasserwerfer und Truppenfahrzeuge auf. Der Sicherheitsapparat hielt sich aber zurück.

Bis in die späten Nachtstunden hinein herrschte nach Berichten aus Minsk eine fast festliche Stimmung – als könnten die Bürger den Sieg Tichanowskajas, die sie für die legitime Präsidentin halten, feiern und sei der amtierende, nach offiziellem, aber völlig unglaubwürdigem Resultat mit 80 Prozent wiedergewählte Präsident Alexander Lukaschenko mitsamt seinem Regime schon abgetreten. Dazu passten Berichte aus verschiedenen Städten des Landes: Aus Grodno etwa, wo sich wohl Zehntausende vor dem Bürgermeisteramt friedlich versammelten und am Samstag über dem Theater die weiss-rot-weisse Flagge wehte, die alte weissrussische, die Lukaschenko 1995 abgeschafft hatte und die das Symbol des freien, unabhängigen Weissrussland ist.

Der Auslauf für friedliche Massenproteste, der den Weissrussinnen und Weissrussen plötzlich gewährt wird, und das vorläufige Ende der Polizeibrutalität, für die sich der Innenminister sogar halbherzig entschuldigt hat, scheint eine neue Taktik des Regimes zu sein, das ratlos erscheint. Tausende von misshandelten Gefangenen sitzen aber weiterhin ein, trotz anderslautender Ankündigung.

Lukaschenko fern der Realität

Lukaschenko gab sich noch am Freitagabend so, als sei gar nicht viel los in seinem Land. Die Streiks tat er ab, indem er meinte, die 20 Streikenden seien schnell wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt, nachdem man ihnen mit Lohnabzug gedroht habe. Die Bürger warnte er davor, auf die Strasse zu gehen: Sie machten sich nur zu Kanonenfutter auswärtiger Kräfte, die hinter diesen Protesten stünden. Im Fernsehen wurden angebliche Beweismittel gezeigt, die eine Spur zum ukrainischen Geheimdienst legen sollten, aber nicht glaubwürdig sind.

Am Samstagmorgen kündigte Lukaschenko dann jedoch an einer Sitzung mit hohen Funktionären an, er müsse mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprechen. Es gehe jetzt nicht mehr nur um die Verteidigung Weissrusslands, sondern des gesamten gemeinsamen «Unionsstaates». Der Protest sei eine Gefahr auch für Russland, wo bereits einige frohlockten. Werde er nicht in Weissrussland aufgehalten, schwappe er auf Russland und weitere Staaten über. Die Bürger verstünden das nicht, sie würden von «Koordinatoren» manipuliert und gesteuert. Später hiess es, er habe mit Putin gesprochen, bald werde alles gelöst. Zu den Elementen «farbiger Revolutionen» (gemeint sind die Umstürze in Georgien, Kirgistan, der Ukraine, Armenien) komme auswärtige Einmischung, sagte er auf dem Weg in den Generalstab der Armee.

Hilfe aus Russland`?

Lukaschenkos Äusserungen sind zum einen Ausdruck einer offenbar vollständigen Entkoppelung von der Realität, die ihn im Land umgibt. Zum andern zeigen sie seine Rat- und Hilflosigkeit und eine weitere Etappe in seinem opportunistischen Hin und Her mit Moskau. Noch im Wahlkampf war von der angeblichen ausländischen Einmischung aus Russland die Rede. Den aussichtsreichen, jetzt inhaftierten Präsidentschaftsbewerber Wiktor Babariko stellte er als Marionette des Kremls dar. Eine Woche vor dem Wahltermin liess er medienwirksam «russische Söldner» festnehmen, die er als potenzielle Unruhestifter identifizierte. Am Freitagabend wurden sie plötzlich ohne weiteres Verfahren nach Russland zurückgebracht. Jetzt hofft er trotzdem auf Putins Hilfe, den er in den vergangenen bald zwei Jahren mit dem Wunsch nach mehr Integration in dem rudimentär gebliebenen «Unionsstaat» immer wieder aufs Neue abblitzen liess – und damit auch die russischen Subventionen für die weissrussische Wirtschaft gefährdete.

Die Stimmung in Minsk suggeriert, das Regime Lukaschenko habe den Zenit endgültig überschritten. Die gnadenlose Brutalität gegenüber dem eigenen Volk führte ins Leere. Putin könnte natürlich zu Hilfe eilen, auch mit Truppen oder verdeckten Einheiten. Er hätte aber eine so grosse Zahl weissrussischer Bürger gegen sich, dass das ein äusserst riskantes Manöver wäre und, wie ein politischer Kommentator in Minsk meinte, sogar eine Partisanenbewegung provozieren könnte. Das weiss auch der Kreml. Die russische Führung lässt Lukaschenko vorläufig zappeln, das zeigt auch das Telefongespräch. Noch ist alles im Fluss in Weissrussland. Auch Lukaschenko und Putin wissen: Die Augen Europas sind jetzt auf dieses Land gerichtet.

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