Switzerland

Kampf gegen Corona auf dem Buckel der Älteren

Enthüllungen der «Sunday Times» über die Rationierung der Intensivpflege in britischen Spitälern

Der Zugang zu Intensivpflege und Beatmungsgeräten war in Grossbritannien in der Zeit der ersten Corona-Welle für ältere Patienten auffallend selten möglich.

Der Zugang zu Intensivpflege und Beatmungsgeräten war in Grossbritannien in der Zeit der ersten Corona-Welle für ältere Patienten auffallend selten möglich.

Neil Hall / Getty Images

Wurde auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Infektionswelle in Grossbritannien älteren oder anderweitig geschwächten Patienten bewusst eine Intensivpflege vorenthalten, um zu verhindern, dass Spitäler überlastet werden? Diesen Vorwurf erheben die Rechercheure der «Sunday Times».

Laut ihren Nachforschungen sind die Regierung und viele Ärzte des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) zur Zeit des in Grossbritannien spät angeordneten Lockdowns am 23. März dazu gezwungen gewesen, eine Triage bei den eingelieferten Corona-Erkrankten vorzunehmen. Sie hätten also entscheiden müssen, welche Patienten beatmet werden sollen und welche von vornherein als hoffnungslose Fälle einzustufen waren.

Dies widerspricht der Darstellung der Regierung von Premierminister Boris Johnson, wonach es stets gelungen ist, den NHS vor einer Überbelastung zu bewahren, ohne die Qualität der medizinischen Behandlung zu kompromittieren.

«Schlicht abgeschrieben»

Die Zeitung zitiert als ein Beispiel die Tochter eines 82-jährigen Corona-Infizierten, der die Ärzte Anfang April bei der Einlieferung ihres Vaters ins Spital in aller Offenheit erklärten, dass der an Bluthochdruck und Diabetes leidende Patient wegen dieser Vorerkrankungen für eine Intensivbehandlung nicht infrage komme. «Er wurde schlicht abgeschrieben», meinte die Frau bitter zum Tod ihres Vaters. Was sie erlebt habe, sei nichts anderes als die Folge der Rationierung von medizinischen Massnahmen.

Dass dies keineswegs ein Einzelfall war, belegt die «Sunday Times» mit zahlreichen Beispielen. Das Resultat ihrer dreimonatigen Nachforschung stützt sich dabei auf Gespräche mit mehr als 50 Auskunftspersonen im Gesundheitsdienst und in der Regierung. Das Bild, das sich ergibt, zeigt eine Regierung, welche zu lange zögerte, einen Lockdown anzuordnen, und die anschliessend um jeden Preis den Eindruck vermeiden wollte, dass britische Spitäler an ihre Kapazitätsgrenzen stiessen. Das Resultat: Während der folgenden Monate starben in Grossbritannien rund 47 000 Menschen an der Virusinfektion. Doch nur etwa 5000 von ihnen wurden zuvor auf Intensivstationen behandelt.

Mediziner empört über Erfolgsbotschaften

Laut einem Mitglied eines Beratergremiums der Regierung war ein Dokument erarbeitet worden, in welchem die Kriterien einer Triage von Corona-Patienten explizit genannt wurden. Allerdings sei dieses nie offiziell verabschiedet worden und nur für den Fall vorgesehen gewesen, dass die Intensivstationen ausgelastet sein sollten – was laut dem NHS aber gar nie eingetreten ist. Dennoch sei diese Anweisung in einem konsultativen Prozess breit an Ärzte und Spitäler verteilt worden. Wer über 80 Jahre alt und zuvor nicht völlig gesund und wer über 75 und nicht ohne Vorerkrankung gewesen sei, habe deswegen nur selten eine Chance auf Intensivpflege gehabt. In Zusammenhang damit ist auch die exorbitant hohe Zahl von Insassen von Alters- und Pflegeheimen zu sehen, welche in Grossbritannien an Corona gestorben sind.

Eine befragte Medizinerin zeigte sich gegenüber der «Sunday Times» vor allem auch empört über die Erfolgsbotschaften von Regierungsvertretern, welche stets verkündeten, der NHS halte dem Ansturm stand: «Dies stand in klarem Widerspruch zu dem, was wir jeden Tag in den Spitälern sahen.» Sie machte dafür ausdrücklich den Premierminister verantwortlich, der durch sein zu langes Zögern vor dem Lockdown Anfang März die Ärzte in diese verzweifelte Lage gebracht habe.

Gegenüber dem «Guardian» wiesen führende Verantwortliche des NHS die Darstellung der «Sunday Times» inzwischen zurück. Niemals seien Patienten in einer solchen Weise «abgeschrieben» worden. Die Kontroverse darüber dürfte dereinst zweifellos ein Thema mehr für die Untersuchungskommission zur Corona-Krise sein, welche Boris Johnson der Nation versprochen hat.

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