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Switzerland

Lara Gut-Behrami fragt: «War ich weniger wert?»

Die Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami äussert sie sich vor den ersten Speed-Rennen der Saison harsch gegenüber dem Verband Swiss Ski – und zieht die Aussagen dann zurück. Was ist das Problem?

Lara Gut fühlt sich von Swiss Ski nicht verstanden.

Lara Gut fühlt sich von Swiss Ski nicht verstanden.

Joël Hunn

Es ist Dienstag in Lake Louise, der erste Trainingstag vor der Doppelabfahrt am Freitag und Samstag. Lara Gut-Behrami steht im Zielraum, und sie hört Fragen, die sie eigentlich nicht beantworten mag. Fragen zu ihrem Vater und Trainer Pauli Gut, der nicht mitgereist ist nach Nordamerika. Fragen zu Veränderungen in ihrem Privatteam und in der Zusammenarbeit mit Swiss Ski, dem nationalen Verband. Nach fünf Minuten sagt Gut-Behrami: «Ich will einfach Ski fahren, Punkt, Schluss.»

Abends im Hotel will Gut-Behrami nochmals reden und sich erklären. Sie initiiert ein kurzes Medientreffen, nachdem sie tags zuvor noch hat ausrichten lassen, sie stehe nur im Zielraum für einige Fragen zur Verfügung. Nun sagt sie, sie wolle keinen Wirbel – und löst das Gegenteil aus. Gut-Behrami äussert Kritik am Verband, sie erweckt den Eindruck, sie fühle sich benachteiligt gegenüber anderen, einmal fragt sie: «War ich weniger wert?»

Lara Gut-Behrami ist nicht mehr die einzige WM-Medaillen-Sammlerin unter den Schweizer Skirennfahrerinnen. Das war sie von 2009 bis 2015 gewesen. Zuletzt hatten Wendy Holdener und Michelle Gisin wesentlich mehr Erfolg als die 28-jährige Tessinerin, und im vergangenen Winter galt das auch für Corinne Suter, die zweifache WM-Medaillen-Gewinnerin der Titelkämpfe in Åre. Holdener und Gisin sind vollumfänglich in den Verband integriert, Gut-Behrami wird seit je von ihrem Vater trainiert, sie hat ein Privatteam und bereitet sich mehrheitlich losgelöst von Swiss Ski auf die Winter vor.

Gut-Behrami wird emotional an diesem Abend, sie versteigt sich zu Aussagen, die sie am nächsten Morgen zurückzieht. Der Ausbruch zeigt, dass Gut-Behrami wieder einmal unzufrieden ist. Die wiederholte Kritik an der physiotherapeutischen Betreuung im Speed-Team, die aus ihrer Sicht zu knapp ist, lässt sie stehen – obwohl sie anerkennt, dass sich die Abdeckung in diesem Jahr dank einer zweiten Therapeutin verbessert hat. Dem Speed-Team schliesst sich Gut-Behrami für die Rennwochen und teilweise auch fürs Training im Sommer und im Herbst an.

Alte Wunden

Lara Gut-Behrami hat immer noch eine Sonderstellung im Verband, doch Wendy Holdener und Michelle Gisin haben das mittlerweile auch, kraft ihrer Entwicklung in den letzten Jahren. Gut-Behrami hat noch immer nicht verwunden, dass sie und ihr Privatteam lange um Verbandsunterstützung in der heutigen Form kämpfen mussten. «Wie viele Jahre musste ich alles selber bezahlen, obwohl ich schon einiges erreicht hatte?», fragt sie in die Runde.

Die Weltmeisterschaften 2017 in St. Moritz waren ein Wendepunkt in dieser Geltungsdiskussion. Lara Gut ist nach einem Sturz in Cortina d’Ampezzo bereits lädiert, und doch reist sie als übergrosse Hoffnungsträgerin der Skination an. Und sie reist mit einem kaputten Knie ab. Verletzt hat sie sich beim Einfahren für den Kombinationsslalom, und nach diesem Kombinationsslalom ist Wendy Holdener Weltmeisterin und Michelle Gisin WM-Silbermedaillen-Gewinnerin. Die jahrelange Hierarchie gerät ins Wanken. Lara Gut liegt im Spital und kann nichts dagegen tun.

Später wird sie in einem Interview gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagen: «Ich glaube, es musste einfach passieren, so konnte es nicht weitergehen.» Gut war ausgelaugt vom Kampf um den Gesamtweltcup im Winter zuvor.

2017/18 gelingt Gut ein achtbarer Comeback-Winter, drei Podestplätze im Weltcup, aber keine Olympiamedaille in Pyeongchang. Gisin wird Olympiasiegerin in der Kombination, Holdener gewinnt Silber im Slalom und Bronze in der Kombination, im Weltcup schafft sie es elfmal unter die ersten drei.

Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener (Mitte) sind die neuen Heldinnen im Schweizer Skiteam.

Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener (Mitte) sind die neuen Heldinnen im Schweizer Skiteam. 

Gepa Pictures/ Andreas Pranter, GEPA pictures

2018/19, mittlerweile verheiratet mit dem Tessiner Fussballstar Valon Behrami, ist Lara Gut-Behrami nur die viertbeste Schweizerin im Gesamtweltcup. Hinter Holdener, der nunmehr zweifachen Weltmeisterin in der Kombination. Hinter Gisin, deren Saison wegen einer Verletzung noch vor den Weltmeisterschaften zu Ende gegangen ist. Und hinter Corinne Suter, der WM-Zweiten in der Abfahrt und WM-Dritten im Super-G.

Die Ausnahmefigur ist keine Ausnahmefigur mehr, der Status von Gut-Behrami muss neu verhandelt werden. Noch während der Weltmeisterschaften sagt der damalige Swiss-Ski-Direktor Markus Wolf, im Frühlingsgespräch mit Gut-Behrami und ihrem Vater werde ein Thema sein, dass sie noch nie eine Goldmedaille gewonnen habe, Swiss Ski aber über Trainer verfüge, die mehrfach Athleten zu Titeln verholfen hätten.

Der Verband regt Veränderungen an, das Privatteam Gut formuliert Wünsche. In einigen Punkten findet man sich, in anderen nicht.

Am Montag in Lake Louise sagt der Cheftrainer Beat Tschuor: «Einerseits probiere ich, Lara und ihr Privatteam zu integrieren. Anderseits, einen Ausgleich zu schaffen zwischen Lara und den anderen Fahrerinnen. Ich bin jetzt im zweiten Jahr, es ist nicht ganz ohne, aber langsam kommt es.»

Aus Tschuors Formulierung ist die ganze Schwierigkeit dieses Balanceakts herauszuhören. Dem Verband geht es um Gleichstellung, aber nicht um Gleichbehandlung. Holdener, Gisin, Gut-Behrami werden alle sehr individuell betreut. Sie melden Bedürfnisse und Wünsche an, der Trainer Tschuor schaut, was er machen kann.

Nachdem er eine Tonaufnahme der Aussagen von Lara Gut-Behrami gehört hat, äussert sich Tschuor am Mittwoch nochmals: «Die kritischen Worte passen schlecht ins Bild, denn im Team haben wir Ruhe. Lara zieht sehr gut mit. Das Konstrukt ist nach wie vor heikel, aber die Betreuersituation ist top. Wir investieren viel in Lara, ohne sie gegenüber unseren anderen Topathletinnen zu bevorteilen.»

Gut-Behrami hatte in den vergangenen zwei Wintern eine Medienkoordinatorin, die exklusiv für sie arbeitete, aber vom Verband bezahlt wurde. Im Gegenzug trat sie Swiss Ski gewisse Vermarktungsrechte ab. Diese Sonderlösung wurde stärker beargwöhnt als jede andere Abmachung mit dem Privatteam Gut, obwohl sie für den Verband zumindest im zweiten Jahr kostenneutral gewesen sein soll.

Neuer Trainer

Im Frühling 2019 äusserte Gut-Behrami den Wunsch nach einem Konditionstrainer, der sie überallhin begleitet. Nachdem sie seit der Jugend von Patrick Flaction betreut worden war, wollte sie neue Impulse von einem anderen Fachmann: José Luis Alejo Hervas. Auch den Spanier kennt Gut-Behrami seit der Jugend, er arbeitete einst mit Maria José Rienda Contreras zusammen, die 2005 und 2006 sechs Weltcup-Riesenslaloms gewann und die Gut manchmal mittrainieren liess.

Nun ist Alejo Hervas Swiss-Ski-Angestellter. Er hat Gut-Behrami auf die Saison vorbereitet, nicht nur als Konditionstrainer, sondern auch als Skitrainer. Alejo Hervas ist bereits gut ins Speed-Team integriert, der Cheftrainer Tschuor und der Abfahrtschef Roland Platzer kennen ihn schon länger. Platzer sagt, er sei «ein super Typ, offen, mit ihm kann man in einer Gruppe gut zusammenarbeiten».

Swiss Ski verpflichtete Alejo Hervas mit Hintergedanken. Er sollte eine neue Brücke schlagen zwischen dem Verband und Gut-Behrami, nachdem die alte teilweise eingestürzt war. Gut hatte sich im Sommer 2018 stark ins Private zurückgezogen und den Kontakt zu wichtigen Verbandsvertretern unterbrochen. Sie reiste nach Russland an die Spiele von Valon Behrami an der Fussball-WM. Es folgte die Hochzeit. Später flog sie zwischen zwei Trainingsblöcken in Südamerika zurück nach Europa, für ein paar Tage in trauter Zweisamkeit. Für den Skiverband war Gut-Behrami lange Zeit nicht greifbar, es liess sich einfach kein Termin finden, um einige Dinge zu besprechen.

Wenn Leute sagten, Gut-Behrami sei total auf ihren Ehemann fixiert, ihr Fokus habe sich extrem verschoben, tat sie wenig, um solche Eindrücke zu entkräften. Sie erzählte immer wieder, wie sie sich zuerst verloren und dann wiedergefunden habe, dank der langen Verletzungspause und der neuen Liebe. Wie sie sich wieder mehr wie ein Mensch fühle und weniger wie eine Spitzenathletin.

Auch er wird oft für Lara Gut-Behramis ausbleibende Medaillenerfolge genannt: der Schweizer Fussballer Valon Behrami.

Auch er wird oft für Lara Gut-Behramis ausbleibende Medaillenerfolge genannt: der Schweizer Fussballer Valon Behrami. 

Jean-Christophe Bott, KEYSTONE

Wenn Gut-Behrami heute gefragt wird, ob sie die Arbeit im Sommer 2018 ein bisschen vernachlässigt haben könnte zugunsten des privaten Glücks, widerspricht sie vehement. «Ich weiss, was die Leute erzählen», sagt sie an diesem Abend in Lake Louise. «Aber niemand war dabei. Ich habe die Professionalität immer gelebt.» Wenn sie früher zwischen Trainingsblöcken in Argentinien und Chile zehn Tage in New York verbracht habe, habe sich niemand daran gestört, «aber als ich letztes Jahr für fünf Tage heim zu meinem Mann flog, störte das plötzlich viele. Das ist doch lächerlich.»

So oder so deutet nun einiges darauf hin, dass Gut-Behrami ein Mittelmass gefunden hat. Dass sie beides gleichzeitig sein kann, Mensch und Spitzenathletin. Rainer Salzgeber, der Rennsportleiter ihres Ausrüsters Head, spricht Lob aus statt Kritik. Der Cheftrainer Tschuor konstatiert, es habe eine Annäherung an das Team stattgefunden, eine stärkere Integration, «die Aktion mit Alejo Hervas funktioniert». Der Abfahrtschef Platzer meint: «Sie arbeitet mehr, sie kommuniziert mehr, ist offener geworden. Sie ist gut integriert, in der Vergangenheit war es eher ein bisschen schwierig.»

Gut-Behrami sagt: «Wir alle wollen gemeinsam Erfolg haben, das ist das Einzige, was wirklich zählt. Also müssen wir gut zusammenarbeiten können.»

Tschuor und der mittlerweile zurückgetretene Alpinchef Stéphane Cattin führten die Diskussionen über die weitere Zusammenarbeit mit dem Privatteam Gut nach der vergangenen Saison unter zwei Prämissen: Die Fixkosten von Swiss Ski für die Betreuung von Lara Gut-Behrami durften nicht steigen, und sie mussten sich mit dem Ressourceneinsatz für die Betreuung von Wendy Holdener und Michelle Gisin die Waage halten.

Auf Kosten des Vaters

Das hatte Konsequenzen für Pauli Gut, den Vater und Trainer. Seit 2015 arbeitet er im Mandatsverhältnis für Swiss Ski, als Privatbetreuer seiner Tochter. Das von Markus Wolf forcierte Entgegenkommen entspannte die Beziehungen zwischen dem Privatteam Gut und dem Verband. Im Frühling wurde das Mandatsverhältnis zwar verlängert, aber in deutlich reduziertem Umfang. Die Kosten für den neuen Trainer José Luis Alejo Hervas spart Swiss Ski bei Pauli Gut ein. Lara Gut-Behrami trainierte ohne Pauli Gut in Südamerika, und sie weilt jetzt ohne ihn in Nordamerika. Warum das so ist, bleibt unklar. Gut-Behrami könnte die Aufenthalte ihres Vaters selber finanzieren.

Pauli Gut sagt, er sei weiterhin für das Skitechnische verantwortlich, ab nächster Woche und den Rennen in St. Moritz werde er wieder dabei sein. «Lara hat es ja deutlich gesagt: Wir haben zusammen angefangen, wir werden zusammen aufhören.» Er erinnert daran, dass sie sich immer wieder Inputs von aussen geholt hätten. Die Liste der beigezogenen Berater ist lang, sie reicht von Karl Frehsner über Daniel Albrecht oder Massimiliano Blardone bis zu Didier Cuche. Mit dem Skitrainer Patrice Morisod hätten sie auch in der diesjährigen Vorbereitung wieder ein paar Trainingskurse gemacht, sagt Pauli Gut.

Lara Gut-Behrami sagt zur Abwesenheit ihres Vaters: «Ich bin zwar erstmals ohne ihn in Nordamerika, aber er ist genauso wichtig wie zuvor. Seine Rolle geht weit über jene des Trainers auf der Piste hinaus. Er ist immer noch der Chef, Alejo Hervas verstärkt das Team.»

Lara Gut-Behrami hätte es gern einfach. Doch irgendwie wird es immer wieder kompliziert. Sie kritisiert vor Journalisten den Verband, zieht die Aussagen dann zurück. Sie verstrickt sich in Widersprüche. Und am Schluss bleibt unklar: Was genau ist eigentlich das Problem?

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