Switzerland

Rapper Besko erzählt: «Lieber hier im Gefängnis als auf der Flucht in Kosovo»

Besijan Kacorraj überfiel während eines Ausschaffungsurlaubs in Dübendorf eine Postfiliale. Als Rapper Besko machte er sich Jahre zuvor einen Namen als Integrationsfigur. Ein Besuch im Schweizer Gefängnis.

«Ich glaube, ich habe nie Boden unter den Füssen gehabt.» Besijan Kacorraj im Besuchsraum des Gefängnis in Affoltern.

«Ich glaube, ich habe nie Boden unter den Füssen gehabt.» Besijan Kacorraj im Besuchsraum des Gefängnis in Affoltern.

Foto: David Sarasin

Ein schmuckloser Betonbau im Zentrum von Affoltern am Albis. Eine unauffällige, aber schwere Türe markiert den Eingang zum Gefängnis. Es ist Juni 2020, Besijan Kacorraj, besser bekannt als Besko, sitzt seit einigen Monaten hier ein.

Kacorraj dürfte der bekannteste der rund sechzig Insassen hier sein. Er sass ab 2009 schon einmal für drei Jahre im Gefängnis. Ein bewaffneter Raubüberfall einer Denner-Filiale in Zürich brachte ihn so weit. Damals machte er sich gegen die ihm drohende Ausschaffung öffentlichkeitswirksam stark. Er begann zu rappen und wollte damit zeigen, dass er Vorbild sei für gelungene Rehabilitierung.

Musiker und Politiker, darunter Lukas Reimann von der SVP, unterstützten ihn in seinem Anliegen. Landesverweis für eine Person, die hier aufgewachsen sei, sei falsch, sagten sie. Der «Blick» griff das Thema auf, es gab eine öffentliche Diskussion. Weder das noch seine Anfechtungen des Entscheides halfen, er wurde ausgeschafft.

Und jetzt sitzt er wieder ein, in diesem unauffälligen Betonblock in Affoltern am Albis. Ihm drohen fast fünf Jahre Haft und weitere 15 Jahre Landesverweis wegen Raubes. Im Februar 2019 überfiel er mit einer Luftdruckpistole bewaffnet eine Postfiliale in Dübendorf. Damit hat sich die öffentliche Meinung in ihr Gegenteil gekehrt.

Der Grund dafür: Der heute 35-Jährige beging den Raub, als er schon ausgeschafft war. Während eines legalen zweiwöchigen Aufenthaltes hätte er seinen Sohn besuchen dürfen. Der «Blick» betitelte ihn als «Räuber-Rapper». Selbst besonnene Liberale zeigten sich empört. Die SVP reichte im Nationalrat postwendend eine Motion gegen den sogenannten Urlaub für Ausgeschaffte ein.

Man sieht dem 35-Jährigen, als er den Besuchsraum im Gefängnis betritt, diese turbulente Geschichte voller Gewalt, dieses Auf und Ab in der Gunst der Öffentlichkeit nicht an. Kacorraj wirkt aufgeräumt, aber müde. Die Haare hat er sich eng anliegend zu einem Dutt zusammengebunden, Schläfen und Nacken sind rasiert. Die Morgensonne scheint durchs kleine vergitterte Fenster und beleuchtet die karge Zelle. Gelöchertes Plexiglas trennt die Gesprächspartner.

Kacorraj möchte noch einmal seine Geschichte erzählen. Der Gefängnisleiter bewilligt eineinhalb Stunden Gespräch.

Mit dem Überfall der Postfiliale sind Sie 2019 über Nacht vom Vorbild zum Buhmann der Nation geworden. Was sagen Sie heute dazu?

Es tut weh. Die Leute sagen, ich sei ein Idiot.

Sie haben vielen Leuten geschadet mit dem Überfall. Etwa den beiden Frauen, die Sie in der Poststelle mit der Waffe bedroht haben.

Das weiss ich, und ich habe das in Kauf genommen. Ich habe vor ein paar Monaten beiden Frauen einen Brief geschrieben. Ich machte ihnen ein Gesprächsangebot. Sie haben sich nie bei mir gemeldet.

Sie haben auch der Sache mit dem Besuchsrecht für Ausgeschaffte geschadet. Haben Sie je daran gedacht?

Nein. Das Einzige, was ich zu der Zeit dachte, war: Entweder ich hole etwas Geld raus, oder ich komme hier ins Gefängnis. Beides war mir recht.

Wozu brauchten Sie so viel Geld?

Ich hatte in Kosovo Schulden gemacht.

Die drei Jahre, die Kacorraj nach dem Landesverweis 2016 in Kosovo verbracht hat, sind für Aussenstehende schwer zu rekonstruieren. Eine Blackbox – selbst für gute Freunde in der Schweiz, mit welchen er in Kontakt stand. Kocarraj erzählt von einem Konflikt mit einem Clan in Kosovo. Von einer Schlägerei, einer Schiesserei. Schliesslich von einer Geldforderung eines Clans über 50’000 Euro, verbunden mit der Drohung, er müsse Kosovo verlassen.

Dabei hat es die ersten eineinhalb Jahre gut ausgesehen. Gemäss seinen Erzählungen wie auch den Aussagen einiger seiner Bekannten hat er ein Jahr lang als Coach in einem Callcenter gearbeitet. Sein Leben in Kosovo sei zu dieser Zeit einigermassen geregelt verlaufen. Um die 500 Euro Lohn im Monat, eine kleine Wohnung in der Hauptstadt Pristina, allerdings nur wenige Freunde. Später ging es bergab. Der Anklageschrift ist auch zu entnehmen, dass Kacorraj während der Zeit in Kosovo einmal unbemerkt von den Behörden für drei Monate illegal in die Schweiz reiste.

Wie verlief die Reise zurück in die Schweiz?

Ich reiste illegal in einem Reisecar von Serbien bis nach Chiasso. Ich habe in Serbien jemanden kennen gelernt, der solche Reisen organisiert. Dann habe ich drei Monate in der Schweiz gelebt und ging einem Job nach. Ich arbeitete fast rund um die Uhr, um das Geld zusammenzubekommen.

Was haben Sie in der Schweiz gearbeitet?

Dazu kann ich nichts sagen.

Und dann gingen Sie zurück und haben das Geld ausgehändigt?

Das Problem war, dass ich nur die Hälfte zusammenhatte, also 25’000 Euro. Ich wollte aber trotzdem signalisieren, dass ich die Sache ernst nehme. Es half nichts. Ich musste mich heimlich im Land aufhalten, niemand durfte wissen, dass ich dort war. Ein Vermittler teilte mir mit, ich hätte noch noch ein paar Monate mehr Zeit, um das Geld zu besorgen.

Und dann sind Sie noch einmal zurück in die Schweiz?

Ja, mir fehlte aber ein konkreter Plan. Ich hätte bestimmt Leute finden können, die mir das Geld gegeben hätten. Doch ich schämte mich, dass ich wieder in eine solche Situation geraten war.

Kacorraj sagt, dass er den Überfall auf die Postfiliale in Dübendorf aus Frust begangen habe. Aus Frust über die Ausschaffung und den Konflikt, in dem er sich befunden habe. Der Anklageschrift ist zu entnehmen, dass er mit einem gestohlenen Scooter am frühen Abend des 19. Februar 2019 – noch mit dem Helm auf dem Kopf – die Postfiliale betrat. Er habe die beiden Frauen, die zu der Zeit am Schalter arbeiteten, mit einer Soft-Air-Pistole bedroht und knapp 4000 Franken erbeutet. Danach sei er mit dem Motorrad zum Musikstudio eines Bekannten in der Nähe gefahren. Kurz darauf wurde er dort von der Polizei verhaftet.

Seit dem Raubüberfall in Dübendorf sagen die Leute, Sie ändern sich nie, obwohl Sie genau das immer gesagt hatten. Das ist schwer zu entkräften.

Zwischen Ausschaffung und Gefängnis in der Schweiz lebte ich zwei Jahre in Freiheit, weil ich Rekurs eingelegt hatte. In dieser Zeit habe ich in der Schweiz alle Punkte erfüllt, um nicht ausgeschafft zu werden. Das hat man mir auch bescheinigt. Ich habe alles gegeben, hatte einen Job, ein Kind und gab diese Workshops an der Schule. Kurz: alles, was ich in meinem Leben zuvor nie hatte. Und dann hat man mir alles weggenommen. Nach zweieinhalb Jahren Freiheit hiess es, pack deine Sachen!

Sie haben Ihr restliches Leben aber entweder im Gefängnis oder in kriminellen Kreisen verbracht. Warum?

In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, war es damals schwieriger, sich dem zu entziehen, als anderswo. Ich konnte mir mit brutalem Verhalten Anerkennung verschaffen. Das Gefühl von Respekt war wichtig. Mein Motto in der Jugend war, entweder fressen oder gefressen werden. So lebten alle meine Freunde damals. Man überlegt sich als Jugendlicher nicht sehr viel.

Wie bewerten Sie diese Zeit als Jugendlicher heute?

Es war die beste Zeit meines Lebens.

Sie waren auch extrem gewalttätig.

Das gehörte damals dazu.

Besko, Rapper aus dem Kreis 4, Lehrling im Jahr 2018.

Besko, Rapper aus dem Kreis 4, Lehrling im Jahr 2018.

Foto: Sophie Stieger

Im Abschlussverhör nach seiner Verhaftung im Jahr 2019 antwortete Kacorraj auf die Frage, warum er immer wieder kriminell geworden sei: «Ich glaube, ich habe nie Boden unter den Füssen gehabt Was er damit meint, wird durch seine Biografie teilweise deutlich. Aufgewachsen ist Kacorraj bis zum Alter von 6 Jahren bei einer Pflegefamilie in Uster, wo er nach eigenen Aussagen gern lebte.

Danach zog er zu seiner Mutter in eine Wohnung im Kreis 4 in Zürich. Die Mutter trank, der Stiefvater war gewalttätig und laut Kacorraj in kriminellen Kreisen verwurzelt. In der Schule fiel Kacorraj rasch negativ auf. Er wurde gewalttätig und beging erste Straftaten wie Raub oder Autodiebstahl.

Er habe die Bestätigung als junger Mann damals gebraucht, sagt er. Kacorraj heiratete früh eine junge Frau, die als Sängerin in einem albanischen Club arbeitete. Er trennte sich nach wenigen Jahren Ehe wieder und heiratete ein zweites Mal. Das Paar bekam einen Sohn, Kacorraj war zu dieser Zeit im offenen Strafvollzug und stand schon kurz vor der Ausschaffung.

Warum haben Sie in Kosovo nicht Liedtexte geschrieben, so wie zuletzt in der Schweiz?

Ich konnte nicht schreiben. Als ich nach Kosovo ausgeschafft wurde, habe ich meine Freunde und meine Heimat vermisst, aber gar nie drüber nachgedacht. Das blockierte mich. Die ersten paar Wochen fühlte ich mich wie ein Zombie. Jetzt, im Knast, geht Schreiben wieder besser.

Ein Wort, das im Gespräch mit Kacorraj auffällig häufig vorkommt, ist Kämpfen. Das gilt bei seinen Erzählungen vom Schulhof, deutlicher noch bei seiner Zeit als Hooligan beim FCZ, wo er Teil der berüchtigten Fangruppe K4 war. Auch später kämpfte er, nur anders, als es eigentlich schon zu spät war, und versuchte, sich als Rapper zu rehabilitieren.

Gibt es heute Tage, an denen der Wille zu kämpfen schwindet?

Es geht nie weg, man geht unter, wenn man nicht kämpft. Ich bin ein Löwe. Ich habe nur einen Schwachpunkt – meinen Sohn. Es tut mir weh, nicht zu wissen, wie er ausschaut.

Trotz Ihres Kampfs sind Sie jetzt wieder im Gefängnis. Auf Sie warten fast fünf Jahre Haft und 15 Jahre Landesverweis.

Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich bettle nicht um eine Strafminderung, ich sitze wie ein Mann. Doch zu dieser Situation hat mich die Ausschaffung gebracht. Ich will sie bis heute nicht wahrhaben. Es ist traurig: Jetzt, wo ich in der Schweiz hinter Gittern sitze, fühle ich mich wie in der Heimat.

Die eineinhalb Stunden sind vorbei. Ein paar Wochen nach dem Gespräch wurde Kacorraj in ein anderes Gefängnis verlegt, wo der Prozess stattfindet. Die Öffentlichkeit wird dann wieder für eine Weile auf ihn schauen.

Football news:

Pep Guardiola: um die Spieler kümmert sich niemand. Es gab 2 Wochen vor der Saison, und jetzt Spiele alle 3 Tage und so 11 Monate
Akanji über das 0:2 gegen Augsburg: Borussia Dortmund hat im Angriff und in der Abwehr zu wenig gezeigt
Hummels über das 0:2 in Augsburg: Borussia hat in vielen Facetten gut gespielt, aber nicht genug Momente geschaffen
Schalke gewinnt in der Bundesliga 18 Runden in Folge nicht. Die Gesamtzahl der ersten beiden Saisonspiele beträgt 1:11
Real gewann mit VAR und abgeschriebenen Stürmern. Jovic verdient, Majoral-Elfmeter
Robles über die Beurteilung Match mit Real Madrid und VAR: Zweifelhafte Szenen immer Interpretieren zu Gunsten der Top-Clubs
Conte über 4:3 gegen Fiorentina: Beeindruckt von Inters Angriff. Uns fehlte der Ausgleich, dafür haben wir uns bezahlt gemacht Natürlich sind die drei Punkte wichtig, aber wir müssen die Leistung insgesamt bewerten