Switzerland

Rassismus im Unterricht: «Die Schule verletzt das Gesetz der Gleichheit»

Dorothee Miyoshi, Sie schreiben auf der Website des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (LCH), dass Rassismus in der Schule eine Realität sei. Woran machen Sie das fest?
Dorothee Miyoshi: In der Schweiz kann man die Schullaufbahn ­eines Kindes aufgrund weniger ­Informationen mit erschreckender Genauigkeit vorhersagen. Man muss nur fragen: Welche Ausbildung haben die Eltern und zu welcher sozialen Schicht gehören sie? Und wir haben ein grosses Problem mit sozialer Selektion. Das hat indirekt auch mit Rassismus zu tun.

Können Sie das ausführen?
Mehrmals in der Schullaufbahn finden Selektionen statt für die Übertritte in die nächsthöhere Stufe. Die fallen oft zuungunsten von Kindern mit Migrations­hintergrund aus. Studien belegen zum Beispiel, dass ein Kind aus ­einer benachteiligten Familie bei der gleichen Leistung sehr viel ­seltener die Empfehlung fürs Gymnasium bekommt als ein Kind aus einer bildungsnahen Familie. Damit verletzt die Schule den Verfassungsartikel der Gleichheit.

Eine aktuelle deutsche Studie zeigt, dass angehende Lehrpersonen schlechtere Diktatnoten für Kinder mit ausländischem Namen vergeben, auch wenn die Anzahl von Fehlern in den Diktaten gleich war. Könnte das auch in der Schweiz passieren?
Ja, auch hier gibt es solche Studien­ergebnisse.

Kinder mit Migrationshintergrund und nicht weisse Kinder werden in der Schule also diskriminiert.
Unbewusst, ja. Wir Lehrpersonen unterliegen – und das nicht mit böser Absicht – stereotypen Denkweisen. Diese wiederholen wir ständig und merken nicht, dass uns dabei Rassismus unterläuft. Und wir ­haben unterschiedliche Leistungserwartungen. Von ­einem Kind aus bildungsfernem ­Elternhaus und mit Migrationshintergrund erwarten wir unbewusst weniger als von einem Kind aus dem Schweizer Mittelstand mit bildungsnahen Eltern.

Das hat Folgen ...
Ja, ein Kind spürt Erwartungs­haltungen sehr gut und leistet dementsprechend auch weniger. So beginnt ein Teufelskreislauf. Das sind Mechanismen, die wir Lehrpersonen uns gerne bewusst machen dürfen. Wir müssen versuchen, vorurteilsloser in den Klassen zu agieren.

Sind Lehrpersonen zu wenig sensibilisiert für Rassismus?
Ich denke, das ist unsere gesamte Gesellschaft. Wir alle sollten hinschauen.

Aber müssten nicht gerade Lehrpersonen besonders wachsam sein?
Auf jeden Fall. Aber die stereo­typen Muster sind ganz tief verankert. Umso wichtiger wäre es, dass man die Problematik nicht nur in der Lehrerausbildung konkret ­anspricht. Lehrpersonen müssen auch immer wieder Weiterbildungen dazu besuchen. Und sie müssten sich täglich damit beschäf­tigen, wie sie sich verhalten und wie sie welches Kind behandeln.

Ist es Ihnen auch schon passiert, dass Sie ein Kind ungewollt rassistisch behandelt haben?
Ja, erst kürzlich. Ich fragte ein Kind mit Migrationshintergrund, ob es in den Ferien in die Heimat reise. Das Kind hat mich mit grossen Augen angeschaut und gesagt: «Aber Frau Miyoshi, meine Heimat ist doch hier!» Da merkte ich: Ich muss über die Bücher.

Dorothee Miyoshi persönlich

Dorothee Miyoshi (56) ist Mitglied der Geschäftsleitung des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Sie arbeitet als Heilpädagogin an einer Primarschule in der Stadt Basel und wohnt im Kanton Aargau. Miyoshi ist Mutter von vier erwachsenen Kindern, die aufgrund ihres Äusseren selbst schon von Rassismus betroffen waren – Miyoshis Ex-Mann und der Vater ihrer Kinder ist Japaner.

Sie signalisierten dem Kind damit, dass es fremd im eigenen Land ist. Passieren solche Dinge im Schulalltag oft?
Ich mache Ihnen noch ein Beispiel: Ein dunkelhäutiger Lehrerkollege hat mir erzählt, dass er als Schüler im Musikunterricht immer die Bongos zum Spielen bekam. Solche Dinge passieren häufiger. Es sind Handlungen, die harmlos wirken, die aber keine Berechtigung haben. Und eine dunkelhäutige junge Frau hat mir erzählt, dass ihre Lehrerin ihr ­sagte, sie müsse Mathematik nicht beherrschen, weil die Menschen in Afrika sowieso nicht mit Geld umgehen können. Diese Lehrerin unterrichtet heute noch. Ich möchte kein Lehrerbashing machen – die meisten Lehrpersonen leisten einen enormen Einsatz! Aber solche Bemerkungen dürfen nicht vorkommen.

Singen Sie Mani Matters Lied «Dr Sidi Abdel Assar vo el Hama» noch mit den Kindern? Es steht ja wegen der darin transportieren Stereotype in der Kritik.
Wir haben es erst gerade gesungen. Ich hatte das Gefühl, dass gerade Kinder mit dem entsprechenden Hintergrund Freude hatten, dass ihre Kultur auch mal vorkommt.

Sollte die Schule nicht vorsichtiger sein mit solchen Inhalten?
Es wäre sicher wichtig, dass man thematisiert, was kritisch an dem Lied ist. Und es ist wichtig, dass wir Kinder darin bestärken, zu sagen, wenn sie etwas verletzt.

Auch die Lehrbücher stehen in der Kritik. Zum Beispiel weil die Rolle der Schweiz im Kolonialismus darin kaum vorkommt.
Ja, da haben wir sicher Handlungsbedarf, wie auch in Bezug auf die Geschlechterrollen.

Ist das Rassismusproblem an ländlichen Schulen eigentlich ausgeprägter als an städtischen?
Klassen in den Städten sind häufig diverser, darum ist das Problem dort wahrscheinlich tatsächlich weniger ausgeprägt. Auch die Chancengerechtigkeit ist in diversen Klassen grösser.

Von Chancengerechtigkeit sind wir aber laut Studien generell weit entfernt.
Ja. Und sie hat sich im vergangenen Jahrzehnt sogar verschlechtert.

Hat auch der Lockdown die Chancenungleichheit noch verstärkt?
Das müsste man untersuchen. Aber ich denke, das ist ein Grund, wieso die Behörden die Schulen so rasch wie möglich wieder geöffnet haben.

Gehen Sie davon aus, dass coronabedingte Steuerausfälle zu Sparrunden im Bildungs­bereich führen werden?
Damit kann man rechnen. Und es gilt, sich dagegen zu wehren. Denn das wird sich negativ auf die Kinder auswirken – besonders auf jene mit Migrationshintergrund.

Lehrmittel sollen untersucht werden

Neben dem Arbeitsplatz war die Schule im Jahr 2018 derjenige Ort, an dem es am häufigsten zu ­rassistischer Diskriminierung kam. Das zeigt der aktuelle Bericht der ­Eid­genössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Die Kommis­sion hat ausserdem festgestellt, dass Themen wie die Rolle der Schweiz während des Kolonialismus und die Folgen daraus im Schulunterricht zu wenig beachtet werden. Wie Radio SRF berichtete, will die EKR darum jetzt Schülerinnen und Schüler ­sowie auch Lehrpersonen für das ­Thema sensibilisieren. Alma Wiecken, Leiterin der Kommission, hielt ­gegenüber SRF fest, dass ­bereits in der Ausbildung der Lehrpersonen angesprochen werden sollte, wie Rassismus im Unterricht thematisiert werden sollte. Zudem will die EKR jetzt Lehrmittel genau ­untersuchen und gegebenenfalls ­ergänzen. Die Schule müsse ein Ort sein, an dem sich Kinder frei von rassistischer Diskri­minierung entfalten können, sagte Wiecken.

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