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«Tatort» München: Überall sehen sie Phantome

Der Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) will sich auf der Suche nach einem zweiten möglichen Täter am Marienplatz einen Überblick verschaffen.

Der Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) will sich auf der Suche nach einem zweiten möglichen Täter am Marienplatz einen Überblick verschaffen.

BR / X Filme Creative Pool GmbH / Hagen Keller

Eine Stadt im Zustand grösster Unsicherheit: Beim Fall «Unklare Lage» hallt der Anschlag beim Olympia-Einkaufszentrum aus dem Jahr 2016 nach.

Blickt man auf ein Verbrechen, ist die Lage selten so übersichtlich, wie es der Krimi im abendlichen Hauptprogramm gerne suggeriert. Schon gar nicht, wenn es sich um einen komplexen Vorfall, etwa einen Terrorakt, handelt, in den die breite Öffentlichkeit und die Medien involviert sind. Es scheint: Je mehr Leute betroffen sind, desto grösser werden die blinden Flecken. Gerade die Aussagen von unmittelbaren Zeugen sind mit grösster Vorsicht zu betrachten.

Erstaunen muss das nicht. Unsere Wahrnehmung ist selbst im Alltag nicht so unverfälscht, wie wir vielleicht gerne hätten. Und umso deutlicher wird, dass uns in Stresssituationen all die Reizimpulse überfordern. Experimente wie die der Rechtspsychologin Julia Shaw weisen regelmässig nach, wie unzuverlässig das menschliche Gedächtnis ist. Schrillen die Alarmglocken, sieht man in jedem Päckchen eine Bombe, jeder Unbeteiligte erscheint plötzlich als potenzieller Attentäter.

Kopflose Konfusion

Die ersten Minuten des neuen Münchner «Tatorts» illustrieren das Phänomen der kopflosen Konfusion im Angesicht des Verbrechens perfekt. Ein bewaffneter Junge im Kapuzenpulli besteigt einen Linienbus, Schüsse fallen, ein Fahrkartenkontrolleur ist tot, der Täter auf der Flucht. Als die Polizei anrückt, herrscht Unschlüssigkeit unter den Passagieren: Vielleicht ist er in jene Richtung gerannt, vielleicht in eine andere? Womöglich war er alleine – oder hatte er einen Komplizen?

Die Telefone in der Polizeizentrale schrillen, ständig trudeln neue Informationen ein, werden weitere Verdächtige gesichtet. Über Facebook und Twitter verbreitet sich die Nachricht von der Tat im Bus in Sekundenschnelle. Wie bei der Hydra entwachsen aus einer Meldung unermüdlich neue Falschmeldungen. Die Ermittler werden zum Resonanzkörper, müssen alles aufnehmen, weitergeben; dabei schnell handeln und doch präzise.

Eine Schule wird evakuiert, Fehlalarm. Ein weiterer Schütze ausfindig gemacht und zu Boden geworfen – doch es ist nur der Kollege. «Neue Lage» heisst das Motto der Sondereinsatzkommandos angesichts ständiger Unsicherheit, überall sehen sie Phantome. Zwischendurch werden, gleich Inseln im Nachrichtenstrom, die betroffenen Gesichter der Angehörigen gezeigt. Und wir spüren die Resignation von Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die sich im Trubel am liebsten einfach mal hinsetzen würden.

Im Führungsstab der Polizei laufen die verschiedenen Informationen zusammen.

Im Führungsstab der Polizei laufen die verschiedenen Informationen zusammen.

BR / X Filme Creative Pool GmbH / Hagen Keller

Eine reale «unklare Lage»

«Ich will hier kein zweites Olympia-Einkaufszentrum», sagt der Einsatzleiter – und jeder Münchner weiss, was damit gemeint ist. Vor knapp vier Jahren, am 22. Juli 2016, erschoss ein junger Rechtsradikaler neun Menschen, ehe er sich selbst richtete. Wer an diesem Tag in der Stadt war, bekam den leibhaftigen Eindruck von einer realen «unklaren Lage»: Helikopter kreisten über Kolonnen von Polizeiwagen, der öffentliche Personenverkehr war komplett eingestellt, Falschmeldung über Falschmeldung leuchtete am Bildschirm des Smartphones auf. Stundenlang blieb die Unsicherheit über das Ausmass des Anschlags bestehen.

Die Regisseurin Pia Strietmann verhandelt dieses Trauma als intensives Genre-Stück in geradezu dokumentarischem Stil. Doch allen Irrtümern und Fehleinschätzungen, sei es von Polizei oder von Zivilisten, zum Trotz: Die Folge «Unklare Lage» ist kein Panikfernsehen, sondern auch eine Reflexion darüber, was ein Einzelner anrichten kann, der sich gegen die ganze Welt stellt.

«Tatort» aus München: «Unklare Lage», am Sonntag, 26. Januar, um 20.05 Uhr auf SRF 1, um 20.15 Uhr im Ersten.