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Austria

Die offene Flanke der Türkei

Sollte die Türkei in Nordsyrien eine rote Linie überschreiten, werde er die türkische Wirtschaft „zerstören“, droht US-Präsident Donald Trump. Die Macht dazu hätte er.

Es war ein unrühmliches Schauspiel, dem die Welt in der vergangenen Woche beiwohnte. Nachdem am Montag US-Präsident Donald Trump völlig überraschend den Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien bekannt gab, erfolgte bereits am Mittwoch die erwartete Reaktion: Die Türkei marschierte auf Befehl ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in der von Kurden kontrollierten Region ein, um eine „Pufferzone“ entlang der Grenze einzurichten. Die Folge waren bereits in den ersten Tagen Dutzende Tote und Tausende Zivilisten auf der Flucht.

Trumps außenpolitische Volte, mit der er den wichtigsten Verbündeten der USA im Kampf gegen die Terrormiliz IS in den Rücken gefallen ist, sorgte außerhalb der Türkei für große Kritik. Selbst innerhalb seiner eigenen republikanischen Partei meldeten sich gewichtige Stimmen wie der grundsätzlich Trump-nahe Senator Lindsey Graham eindeutig zu Wort. Er drohte der Türkei „Sanktionen aus der Hölle“ und eine Suspendierung aus der Nato an. Das sorgte – zumindest verbal – auch bei Trump für ein Umdenken. Sollte die Türkei in Nordsyrien etwas „außerhalb der Grenzen“ machen, werde er  die türkische Wirtschaft „total zerstören“, so der US-Präsident per Twitter. Kurz danach schärfte er bei einer Pressekonferenz nach: „Ich habe Erdoğan mitgeteilt, dass ich wesentlich mehr als Sanktionen machen werde. Es würde viel härter für die Türkei werden als nur Sanktionen.“

Sanktionsdrohung. Von Graham und seinem demokratischen Senatskollegen Chris Van Hollen wurde auch bereits eine Gesetzesinitiative für Sanktionen gegen die Türkei eingebracht. Davon wären in den USA befindliche Vermögenswerte der türkischen Staatsspitze betroffen, aber auch Firmen, die im Öl- oder Gassektor des Landes tätig sind. Ob Trump seinen Worten auch Taten folgen lässt und wirtschaftlich gegen die Türkei vorgeht, ist derzeit aber nach wie vor offen.

„Der Einzige, der die USA zur Zeit noch an Sanktionen hindert, ist Trump“, sagt dazu Richard Grieveson, Vizedirektor am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, der sich dort auf die Türkei spezialisiert hat. Beim Rest der US-Politik habe die Türkei kaum mehr Freunde, wie der gemeinsame Antrag von Republikanern und Demokraten im Senat zeige. „Solche gemeinsamen Anträge sind derzeit sehr selten“, so Grieveson.

Wo für Trump die „rote Linie“ verläuft, kann derzeit jedoch niemand beantworten. Laut US-Medienberichten wurden im Weißen Haus ethnische Säuberungen und gezielte Attacken auf Zivilisten genannt. Der grundsätzliche Einmarsch dürfte aber zwischen Erdoğan und Trump akkordiert gewesen sein, vermutet Grieveson. Das zeige ein Blick auf den Kurs der türkischen Lira. Diese hat in der vergangenen Woche zwar gegenüber dem Dollar verloren, der Rückgang fiel aber nicht übertrieben dramatisch aus. Der Markt erwartet vorerst also noch keine US-Maßnahmen gegenüber der Türkei.

Dass diese drastische Wirkung entfalten können, zeigte jedoch der Sommer des Vorjahrs. Auch damals gab es Spannungen zwischen den USA und der Türkei. Hintergrund war die Verhaftung des US-Pastors Andrew Brunson. Und just in einer Phase, in der die Türkei ohnehin mit einem Liraverfall kämpfte, weil trotz einer bereits überhitzten Wirtschaft die Zinsen auf Geheiß Erdoğans nicht angehoben wurden, platzte Trump mit der Ankündigung von Zollerhöhungen gegen türkische Waren. Die türkische Lira gab daraufhin an einem Tag um fast zehn Prozent nach, internationale Investoren waren stark verunsichert und zogen ihr Geld ab. Die Folge: Zum Jahreswechsel rutschte die Türkei erstmals seit Jahren in eine Rezession.

Noch schrumpft die Wirtschaft. Heuer hat sich das Land davon wieder etwas erholt. Das WIIW prognostiziert zwar noch ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,5 Prozent, für 2020 soll es aber wieder ein Plus von rund drei Prozent geben. Im September sank auch die Inflationsrate erstmals seit Mitte 2017 auf unter zehn Prozent, und die Stimmungsindikatoren in der türkischen Wirtschaft sind erstmals seit 2017 wieder aus dem negativen Bereich auf einen neutralen Wert gestiegen.

Wenn die USA und Trump wollen, könnte diese Erholung aber schnell wieder zunichte gemacht werden, sagt Grieveson. Denn die offene Flanke der Türkei ist der US-Dollar. So ist die türkische Wirtschaft stark darauf angewiesen, sich in Dollar verschulden zu können. Die kurzfristige Auslandsverschuldung (die vornehmlich von den türkischen Unternehmen aufgenommen wurde) entspricht 17 Prozent des türkischen BIP. Und davon wurde etwa die Hälfte in Dollar aufgenommen, ein weiteres Drittel in Euro.

Wenn die USA nun über finanzielle Sanktionen die Türkei von dieser Refinanzierung abschneiden, wäre das ein heftiger Schlag für die Wirtschaft des Landes. „Wir haben gesehen, was sie Russland antun konnten“, so Grieveson. Moskau habe sich aber wesentlich leichter verteidigen können, da die Auslandsverschuldung viel geringer war.

Dass die Türkei so anfällig für wirtschaftliche Sanktionen ist, hängt aber natürlich auch mit der Politik Erdoğans zusammen. So verschreckt der türkische Präsident schon seit Längerem internationale Geldgeber mit seiner Einflussnahme auf die türkische Zentralbank. Deren ehemaliger Chef Murat Çetinkaya wurde im Sommer sogar vorzeitig abgelöst. Erdoğan gestand dabei ganz offen ein, dass Çetinkaya „Befehlen nicht nachgekommen“ sei. Für viele Investoren eine geldpolitische rote Linie, die überschritten wurde.

Man wird sehen, ob nun weitere rote Linien folgen.

Zahlen

17 Prozent des türkischen BIP entspricht die kurzfristige Auslandsverschuldung der Türkei. Die Hälfte davon wurde in Dollar aufgenommen.

0,5 Prozent soll die Wirtschaftsleistung heuer geringer ausfallen als im Jahr 2018. Im kommenden Jahr soll die Rezession vorbei sein und die türkische Wirtschaft wieder um rund drei Prozent steigen.

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